Auszüge aus "Die Natchez vom Unterlauf des Mississippi"

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Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

 

1. Modelle gesellschaftlicher Organisationsformen

1.1. Formen politischer Organisation bei John Beattie

1.2. Erklärungsansätze aus evolutionstheoretischer Sicht

1.2.1. Gesellschaftliche Entwicklung aus der Sicht eines marxistischen Ansatzes: Ribeiro

1.2.2. Eine universalistische Erklärung der Evolution: Childe

1.2.3. Evolution als multilinearer Prozess: Parsons und Steward

1.2.4. Soziale Evolution als System- und Bewusstseinsveränderung

1.2.5. Ethnologisch orientierte Modelle: Fried, Sahlins und Service

1.3. Anhaltspunkte für eine Einschätzung gesellschaftlicher Differenzierungsvorgänge

 

2. Archäologie und historische Ethnologie

2.1. Archäologie als Anthropologie

2.2. Archäologie als Archäologie von Siedlungen

2.3. Grenzen einer sozialwissenschaftlich orientierten Archäologie

2.4. Archäologie und das Studium der Natchez

 

3. Überblick über die Vorgeschichte und Entdeckung des nordamerikanischen Südostens

3.1. Vorgeschichte des Südostens

3.1.1. Paläoindianischer und archaischer Komplex

3.1.2. Waldland-Tradition

3.1.3. Mississippi-Tradition

3.2. Vorgeschichte des unteren Mississippi-Gebietes

3.2.1. Tchefuncte und Marksville

3.2.2. Troyville, Coles Creek und Plaqumine

3.3. Die Natchez im Kontext vorgeschichtlicher Kulturtraditionen

3.4. Die Zeit der Entdecker

 

4. Der Lebensraum der Indianer des unteren Mississippi

 

5. Produktion und gesellschaftliche Organisation bei den Natchez

5.1. Anpassung der technologischen Ausrüstung, der Produktionsform und der  Arbeitsorganisation an die ökologischen Voraussetzungen am unteren Mississippi

5.1.1. Produktion der Nahrungsmittel

5.1.2. Arbeitsteilung, Gegenseitigkeit und Wiederverteilung

5.1.3. Die materiellen Güter und ihre Produktion

5.2. Verwandtschaftsgebundene Organisationsformen

5.3. Soziale Schichtung

5.3.1. Soziale Schichtung und Statusdifferenzierung

5.3.2. Das "Natchez-Paradoxon"

5.3.3. Hinweise auf sozial-strukturelle Veränderungen

 

6. Politische Strukturen bei den Natchez

6.1. Territoriale Untergliederungen

6.2. Politische Funktionen

6.3. Kriegführung

6.4. Dualismen

 

7. Religion und Magie der Natchez

7.1. Schamanismus und Krankenheilung

7.2. Religiöse Zeremonien und Feierlichkeiten

7.3. Sonnenkult

 

8. Anfänge eine Natchez-Staates

8.1. Merkmale zentraler gesellschaftlicher Organisationsformen und staatlicher Strukturen

8.2. Institutionalisierung und Säkularisierung politischen Handelns

 

9. Der leidvolle Weg in die Diaspora

 

10. Literatur

 

Vorwort

Die ersten ausführlichen Berichte über die bis zu ihrer Vertreibung und Ausrottung im 18. Jahrhundert am Unterlauf des Mississippi lebenden Natchez stammen von französischen Reisenden, Militärs und Missionaren. Während die meisten der in jener Zeit der Entdeckungen entstanden Beschreibungen fremder Kontinente geringschätzig, allenfalls mitleidig die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung schildern, bedienen sich die frühen Natchez-Chronisten einer Sprache und Darstellungsform, wie sie zur Erläuterung der Sitten am Hofe von Versailles nicht besser hätten geeignet sein können. Die Natchez-Gesellschaft wird zu einer hierarchischen Gesellschaft mit einer Aristokratie an der Spitze, geführt von einem absoluten König. Diese teilweise unangemessene und überzogene Sichtweise steht in auffallendem Kontrast zu der von Hudson (1978: 3) vermerkten, weit verbreiteten Unkenntnis über den nordamerikanischen Südosten und damit auch über die Natchez. Eine im Vergleich mit anderen Regionen des nordamerikanischen Kontinents nicht zu verkennende zeitweilige Zurückhaltung in den Beschäftigung der wissenschaftlichen Ethnologie mit den Südost-Gruppen mag ihren Teil zu dieser Situation beigetregen haben. Die Untersuchung der Natchez wurde zudem noch durch die frühe Ausrottung dieser Gruppe und eine fehlerhafte Beobachtungdurch die ersten europäischen Kontaktpersonen erschwert. Auch die Interpretation Swantons, dem wir die umfangreichsten und exzellentesten Auswertungen des Quellenmaterials verdanken, vermochte nicht unbeeinflusst zu bleiben von den Irrtümern der Chronisten.

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Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag zur Systematik von Gesellschaftsstrukturen, die sich im Übergang befinden, leisten. Die Natchez-Gesellschaft bietet sich hierfür an, da sie einerseits noch verwandtschaftsgebundene Strukturen aufwieß, andererseits aber trotz aller fehlerhaften Überlieferungen der französischen Chronisten zu Recht gesagt werden kann, dass sie einen sehr differenzierten, klar über Verwandtschaftssysteme hinausreichenden Organisationsgrad erreicht hatten. Es ist die Frage zu stellen, wie weit die Natchez bereits den Weg zur Ausformung staatsähnlicher Gebilde gegangen waren.

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3.4. Die Zeit der Entdecker

Die erste Expedition von Europäern, die den Mississippi bereiste, war die unter Führung des bereits erwähnten, auch an der Eroberung Perus beteiligten spanischen Hauptmanns Hernando de Soto (Hudson, 1978: 115 f., Barnett, 2007: 3-20). Die Entdecker um de Soto waren jedoch so sehr von der Suche nach Gold und anderen Reichtümern besessen, dass sie kaum Zeit fanden, ethnografisch wertvolle Beobachtungen aufzuzeichnen (Hudson, 1978: 11). Zudem mussten die Spanier, als sie den Unterlauf des Mississippi erreichten, ihre ganze Kraft darauf verwenden, mit heiler Haut dem Angriff einer indianischer Übermacht zu entkommen, und fanden keine Gelegenheit, im Gebiet der Natchez an Land zu gehen. Ihre Berichte beziehen sich daher eher auf militärische Details und deuten an, dass die Indianer, denen sie begegneten, in der Lage waren, eine große Bootsstreitmacht zu organisieren und diese mit Geschick zu lenken.

Nach diesen ersten Berührungen in den Jahren zwischen 1541 und 1543 kamen erst wieder gegen Ende des 17. Jahrhunderts Europäer, dieses Mal Franzosen aus Französisch-Kanada, an den Unterlauf des Mississippi (Hudson, 1978: 118, Barnett, 2007: 21-26). Unter ihnen sind insbesondere der Forscher René-Robert de La Salle, der als erster Europäer 1682 den Mississippi, aus der Region um den Michigansee kommend, fast in seiner vollen Länge bereiste, und der bereits an der ersten La Salle-Expedition teilnehmende Henri de Tonti, der nochmals acht Jahre später in diese Gegend kam, zu nennen. Die ausführlichsten Anmerkungen zu dieser Reise stammen von Tonti und von Nicolas de La Salle, nicht verwandt mit dem Initiator dieser Expedition. Leider waren beide keine Augenzeugen der Begegnung von La Salle im Großen Dorf der Natchez. Beide Darstellungen unterscheiden sich auch in einigen Passagen voneinander und wurden teilweise erst sehr lange Zeit nach den Ereignissen aufgeschrieben. Von seinen späteren Reisen hat Tonti nur wenige Hinweise hinterlassen.

Um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert suchten Missionare mit zweifelhaftem Erfolg, die Indianer des französischen Louisiana zu christianisieren (Lindig, 1976: 83, Barnett, 2007: 32-35, 48-51, 55). Zu ihnen gehörte auch Saint-Cosme, der einige Zeit bei den Natchez lebte und deren Sprache beherrscht haben soll. Möglicherweise ist seine Ermordung der entscheidende Grund dafür, dass kaum nennenswerte Informationen von ihm überliefert wurden.

Zu dieser Zeit gelangte auch André Pénicaut, ein Schiffszimmermann, an den unteren Mississippi (White u. a., 1971: 383 f., Barnett, 2007: 51-54). Er nahm sowohl an dem Versuch Pierre d´Ibervilles, in Lousiana eine französische Kolonie zu errichten (Hudson, 1978: 432, Barnett, 2007: 51-54), als auch an dem von Le Moyne Bienville angeführten militärischen Feldzug gegen die Natchez teil (Lindig, 1976: 83, Barnett, 2007: 63-72).

Alle weiteren Berichte vom unteren Mississippi datieren aus dem 18. Jahrhundert (Hudson, 1978: 11). Antoine-Simon Le Page du Pratz gehörte zu den Franzosen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts mit der Kolonisation des Natchez-Landes begannen (Barnett, 2007: 77-82). Er lebte acht Jahre lang bei den Natchez und hatte eine Hütte in der Nähe des Großen Dorfes und von Fort Rosalie, der gerade erbauten Befestigungsanlage der Franzosen, bezogen (Du Pratz, 1758, 1: 126, 139). Sein Kontakt zu den Natchez war wahrscheinlich enger als der eines jeden anderen Chronisten (Du Pratz, 1758, 2: Kap. XXIII und XXIV). Die Große Sonne, Tempelwächter wie auch Leute aus dem Volke zählten zu seinen Informanten. Außerdem stand ihm eine Chitimacha-Indianerin zur Seite, die die Sprache der Natchez beherrschte (Barnett, 2007: 77).

Mit Dumont de Montigny, der in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts mit dem Kommando über Fort Rosalie betraut wurde, gibt es einen vor allem unter historischen Gesichtspunkten schreibenden Berichterstatter, der sich allerdings weitgehend auf Beobachtungen von Du Pratz stützt (White u.a., 1971: 385).

Die Zeit, die den frühen Reisenden, Missionaren und Kolonisten zur Beobachtung zur Verfügung stand, war jedoch außerordentlich kurz. Selbst die ersten englischen Chronisten, beginnend mit so berühmten Berichterstattern wie James Adair, hatten keine Chance mehr, die Gemeinschaft der Natchez aus eigener Anschauung kennenzulernen. Während im 17. Jahrhundert die Bevölkerung der Natchez noch 4000 bis 4500 Personen ausgemacht haben soll (Spencer, 1977: 414), wurden die Natchez im Laufe der kolonialen Auseinandersetzungen mit den Franzosen als Gruppe vollständig ausgerottet. Im Jahre 1730/31 wurde ein letzter Aufstand blutig niedergeworfen (Hudson, 1978: 440, Barnett, 2007: 119-125). Die wenigen Überlebenden fanden bei den Chickasaw, den Cherokee oder den Creek Unterschlupf oder wurden als Sklaven verschleppt (Hudson, 1978: 440, Spencer, 1977: 414, Barnett, 2007: 126-131).   

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5.1.1 Produktion der Nahrungsmittel

An Großwild wurde von den Natchez Bär, Bison und Rotwild gejagt (Swanton, 1911: 67-69). Während Bison und Bär in der Regel von Jagdgruppen nachgestellt wurde, konnte Rotwild sowohl von Gruppen als auch von Einzelpersonen gejagt werden. Daneben bildete der Fischfang einen wesentlichen Teil des Nahrungsmittelerwerbs (Hudson, 1978: 281). Von weitaus größerer Bedeutung als die Wildbeuterei war bei den Natchez allerdings der Bodenbau. Swanton (1911: 67-69) meint sogar, dass die Jagd im Vergleich mit dem Feldbau überhaupt keine nennenswerte Rolle mehr gespielt habe.

In den Flussniederungen des Südostens war auf relativ kleinem Areal ein intensiver Bodenbau möglich, bei dem selbst auf eine zeitweilige Brache zur Erholung des Bodens verzichtet werden konnte (Hudson, 1978: 290 ff.). Ursache hierfür waren die in der Nähe der Flussläufe periodisch auftretenden Überschwemmungen, die einen an Nährstoffen reichen, lehmigen Boden hinterließen. Dieser weiche und leicht zu bearbeitende Boden war offenbar so ertragreich, dass es sich die Bodenbauer am Mississippi leisten konnten, auf die Nutzung der in diesem Gebiet weit verbreiteten, aber schwer zu bearbeitenden gelben und roten Tonböden zu verzichten, ohne eine Einbuße bei der Nahrungsmittelversorgung selbst so großer Siedlungskomplexe wie die der Mississippi-Kulturen erleiden zu müssen (Hudson, 1978: 291). Zur Fruchtbarkeit trug wesentlich die rasche Erneuerung verbrauchter Nährstoffe durch die Ablagerung der wiederkehrenden Fluten bei. Eine zusätzliche Düngung war nicht erforderlich (Hudson, 1978: 290).

Die wichtigsten im Südosten angebauten Pflanzenarten waren Mais, Bohne und Kürbis, die sich anscheinend sowohl hinsichtlich der in ihnen enthaltenen Nährstoffe als auch der durch sie gegebenen Ausnutzung des Bodens in sehr günstiger Weise ergänzten (Hudson, 1978: 292 ff.). Alle drei gedeihen in feuchter Umgebung. Die Maisarten, die im Südosten bevorzugt wurden, waren eine östliche Variante des flint corn und des dent corn (Hudson, 1978: 292 ff.). Die Kürbissorten entsprachen jenen amerikanischen Sorten, die sich durch ihre Größe vom europäischen Kürbis unterscheiden und sich zum Teil durch ihre Lagerfähigkleit auszeichnen.

Der Mais wurde zu einer Art Mehl zerstampft und zu Brot verarbeitet, zu Brei gekocht oder durch Rauch getrocknet und danach zu einer Speise zubereitet, die zuckrig geschmeckt haben soll. Oder er wurde durch bestimmte Zubereitungsmethoden haltbar gemacht, sodass er als Proviant für unterwegs mitgenommen und als Proviant verzehrt werden konnte (Swanton, 1911: 67-69). Der Kürbis diente nicht nur als haltbarer Vorrat, sondern war auch zum sofortigen Verbrauch, etwa zum Kochen oder zur Verarbeitung zu einer Art Pfannkuchen bestimmt (Swanton, 1911: 67-69).

Die Indianer des Südostens kannten zwei Arten, ihre Felder anzulegen: Entweder wurden mehrere Pflanzenarten gleichzeitig auf einem Feld angebaut, oder es wurden während einer Vegetationsperiode zwei Sorten nacheinander angepflanzt, sodass die eine gesät wurde, nachdem die andere geerntet war (Hudson, 1978: 297 f.). Die Aussaat wurde in der Weise vorgenommen, dass man, um der Bodenerosion entgegenzuwirken, kleine Erdhügel anlegte, in die mittels eines Grabstockes Löcher gestochen wurden, die die Samenkörner aufnahmen (Hudson, 1978: 297 f.). Die Hügel wurden während der gesamten Wachstums- und Reifezeit beständig gepflegt und, wenn nötig, erneut angehäuft (Hudson, 1978: 297 f.).

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5.1.3 Die materiellen Güter und ihre Produktion

Die auffälligsten materiellen Kulturgüter der Natchez stellen sicherlich die Tempelhügel dar, die als Unterbau für den Tempel und die Residenz der Adligen dienten. Sie waren in der Regel um einen mehr oder weniger rechteckigen Platz angeordnet und bildeten so einen in sich geschlossenen Tempel-Plaza-Bezirk. Die Tempelhügel bestanden aus mehreren rechteckigen oder quadratischen Lagen, die im Laufe der Zeit angelegt worden waren, mit einer plattformartigen obersten Lage, auf der das Wohnhaus der Großen Sonne, eines Angehörigen der obersten Adelsschicht oder der Tempel stand.

Die Häuser besaßen einen mehr oder weniger rechteckigen Grundriss und ein rundes, in der Mitte spitz zulaufendes Dach, das dadurch entstand, dass die Eckpfosten des Hauses in der Mitte aneinander befestigt wurden (Galloway und Jackson, 2004: 601). Das Baumaterial der Wände bestand aus Ton, der mit pflanzlichen Bestandteilen vermengt war (Swanton, 1911: 52 ff., 57-67). Gedeckt waren die Häuser mit Stroh, die Wände waren innen und außen mit Matten aus Schilfrohr verkleidet (Galloway und Jackson, 2004: 601). Als Schlaf- und Sitzmöbel dienten plattformartige Gestelle aus Holz und Schilfrohr, die aus vier in die Erde gesteckten Pfosten gefertigt waren mit zwei runden Balken auf ihren Längsseiten, die ihrerseits durch Querstücke miteinander verbunden waren (Swanton, 1911: 52 ff., 57-67). Aus Schilf geflochtene Matten sowie Häute und Felle, die mit pflanzlichen Materialien gefüllt waren, wurden als Unterlagen benutzt (Swanton, 1911: 52 ff., 57-67).

Die Natchez stellten eine Vielzahl keramischer Waren her wie Gefäße, Schüsseln, Töpfe, Platten u.a. (Swanton, 1946: 549 f., 553 f.). Diese Gegenstände wurden, da den Ureinwohnern der Neuen Welt die Verwendung der Töpferscheibe unbekannt war, ausschließlich in Handarbeit, in Spiralwulsttechnik, hergestellt und anschließend gebrannt. Gemessen an dieser Technik war die Ware außerordentlich symmetrisch geformt und fein gestaltet, mit dünnen Gefäßwänden und Verzierungen auf den Oberflächen, die durch Einritzen kreisförmiger Muster entstanden (Galloway und Jackson, 2004: 601). . . .  

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7.2. Religiöse Zeremonien und Feierlichkeiten

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Das Erntefest fand außerhalb des Großen Dorfes auf einem offenen Platz statt, auf dem ein Maisspeicher angelegt worden war. . . .

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Zu Beginn der Feierlichkeiten wurde die Große Sonne von einer Läuferstafette, gebildet aus verdienten Kriegern zu diesem Ort getragen. Nach dem Dank für eine gute Ernte wurde der in dem Speicher eingelagerte Mais gekocht und gemeinsam verzehrt. Danach stimmten die Krieger Gesänge an und hielten Reden, in denen sie sich ihrer Taten rühmten. Auch die männlichen Jugendlichen durften sich daran beteiligen, um zu verkünden, welche Taten sie zu vollbringen beabsichtigten. Die ganze folgende Nacht wurde mit Tanzen zugebracht. Männer und Frauen tanzten gemeinsam. Die Frauen bildeten dabei einen inneren und die Männer einen äußeren Kreis. Wurde jemand müde, so konnte er den Kreis verlassen und sich nach einer Ruhepause erneut beteiligen. Der zweite Tag begann mit dem beschriebenen Ballspiel, ging danach ähnlich wie am Vortag mit dem Verzehr des Maises weiter und dauerte so lange, bis der gesamte Vorrat aufgebraucht war. Die an dem Fest Beteiligten nahmen während der gesamten Dauer der Feierlichkeiten außer dem Mais nur Wasser zu sich.

Pénicaut (Margry, 1974, 50: 447) steuert zu der Beschreibung der nächtlichen Tanzzeremonie noch eine weitere Einzelheit bei, indem er darauf hinweist, dass die erwachsenen Männer und Frauen getrennt von den Jugendlichen tanzten. Dumont (1931: 405) bringt den Tanz mit einem Ritual in Verbindung, bei dem ein Kalumet, das auf einem Pflog lag, von allen Kriegern der Reihe nach berührt werden musste, worauf jeweils die Trommelklänge, die die Tänzer begleiteten, einen Moment verstummten, um dem Betreffenden Gelegenheit zu geben, sich seiner Taten zu rühmen. . .

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Das von den Chronisten beschriebene Erntefest entspricht dem bedeutendsten Zeremoniell, das die Indianer des Südostens überhaupt kannten, dem Grünkorn- oder Buskfest, bei den Natchez auch als das Fest des Großen Korns bezeichnet. Hudson (1978: 367, 374) stellt den Aspekt der rituellen Reinigung bei diesem Fest in den Vordergrund. Zum Ausdruck kam diese Reinigung in einem strengen Fasten, das zwei Tage andauerte, in einem durch die Einnahme des Schwarzen Trankes herbeigeführten Erbrechen und schließlich in dem Wiederanzünden des heiligen Feuers (Hudson, 1978: 369, 371). Selbst die öffentlichen wie auch die Gebäude der einzelnen Haushalte einschließlich der Haushaltsgeräte wurden zu Beginn der Feierlichkeiten erneuert und gesäubert (Hudson, 1978: 368). Der schwierigste Teil des Buskfestes war das Wiederanzünden des heiligen Feuers (Hudson, 1978: 371 ff.). Dies wurde von dem obersten Priester unter Mitwirkung eines Gehilfen an einem Ort vorgenommen, der von keinem anderen Menschen eingesehen werden konnte. War das Feuer entfacht, ermahnte der Priester alle Mitglieder der Gemeinschaft, ihre Pflichten verantwortungsbewusst zu erfüllen und alle Regeln, die die Gesellschaft ihnen auferlegte, einzuhalten. Mit dem Grünkornfest wurden, so Hudson (1978: 375), alle Streitigkeiten, die bis dahin zwischen Mitgliedern der Gemeinschaft bestanden hatten, beseitigt und alle Vergehen gegen die soziale Ordnung, mit Ausnahme der Tötung eines Menschen, getilgt.

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Für Hudson (1978: 120 f.) gehören die Reinigungszeremonien des Buskfestes zu einem, die gesamte soziale und natürliche Umwelt der Südostindianer betreffenden, kognitiven Ordnungsschema, dessen Kategorien sich normalerweise in einem Gleichgewichtszustand befinden. Dieses Gleichgewicht bleibt so lange erhalten, wie keine Verstöße gegen die bestehenden Normvorstellungen vorkommen (Hudson, 1978: 336). Werden solche Verstöße begangen, so sind ungünstige Ereignisse wie Krankheiten, schlechtes Wetter o. Ä. die Folge (Hudson, 1978: 336 f.). Soll solchen Ereignissen begegnet werden, so muss deren Ursache, also die Art des Verstoßes gegen die bestehende Ordnung, ausfindig gemacht werden. Da fast jeden Tag irgendwelche Normen verletzt werden können, ist das Buskfest das Ereignis im Jahr, an dem alle diese Regelverstöße ausgeräumt werden (Hudson, 1978: 375). . . .

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Starb ein Mitglied der Adelsschicht der Sonnen, so wurde es von mehreren Personen ins Jenseits begleitet (Thwaites, 1959, 68: 156 f., Margry, 1974, 5: 452-455, Du Pratz, 1758, 3: 55 ff., Dumont, 1753: 236 ff.). Neben dem Ehepartner soll auch seine Amme, sofern sie noch am Leben war, den Weg des Verstorbenen gegangen sein. Die Diener folgten ebenfalls ihrem Herrn. Auch Kinder sollen von ihren Eltern geopfert und am Tag der Totenfeierlichkeiten dem Verstorbenen mitgegeben worden sein. Als besondere Ehre galt es erwachsenen Natchez, der verstorbenen Sonne in den Tod zu folgen. Diejenigen, die den Opfergang antraten, hatten sich bereits zu Lebzeiten des Toten dazu entschlossen. Den Strick, mit dem sie erdrosselt werden sollten, hatten sie bereits selber angefertigt. Am Tag des Totenrituals wurden sie von ihren Verwandten zum Tempel geführt. Dort legten sie ihre festlichen Gewänder, in die sie anlässlich dieser Zeremonie gekleidet waren, ab und nahmen Pillen aus Tabak zu sich, die eine betäubende Wirkung gehabt haben sollen. Danach wurden ihnen die Köpfe verhüllt und der Opfergang nahm seinen Lauf, indem der Strick um ihren Hals von beiden Seiten zugezogen wurde (Dumont, 1931: 407 f.).

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7.3. Sonnenkult

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In dem Ursprungsmythos der Natchez, sowie er von Du Pratz (1758, 2: 33-337) nacherzählt wird, stiegen einstmals ein Mann und eine Frau von der Sonne herab. Du Pratz betont aber, dass beide keine Nachkommen der Sonne waren. Möglicherweise war der Mann ihr Bruder (Hudson, 1978: 208). In der Darstellung von Du Pratz geht es dann weiter, indem erzählt wird, dass der von der Sonne herabgestiegene Mann den Natchez erklärte, welche Gesetze sie zu beachten hätten, um besser in Frieden leben zu können, als es ihnen bisher möglich war. Als die Natchez ihn daraufhin baten, ihr Anführer zu werden, stellte er zunächst folgende Bedingungen: Die Natchez sollten bestimmte Regeln beachten, nach denen festgelegt wurde, welcher Gesellschaftsschicht die Nachkommen der einzelnen sozialen Gruppen angehören sollten und wie die Nachfolge de Großen Sonne geregelt wurde. Die Regeln entsprachen eben jenen matrilinearen Prinzipien, die die Franzosen vorfanden, als sie begannen, im Lande der Natchez zu siedeln. In der Version des Ursprungsmythos, wie sie von Du Pratz in Erfahrung gebracht wurde, mussten die Natchez dann einen Tempel bauen, den nur die Sonnen betreten durften und in dem ein ewiges Feuer zu brennen hatte, das der neue Häuptling von der Sonne herunterholte. Würde das Feuer aus irgendeinem Grund einmal verlöschen, was die Wächter des Feuers mit ihrem Leben bezahlen mussten (Galloway und Jackson, 2004: 605), so würde Unheil über das Volk der Natchez hereinbrechen. Für diesen Fall musste in einem zweiten Tempel am anderen Ende des Reiches der Natchez ein ebensolches ewiges Feuer brennen, an dem die erloschene Flamme neu entzündet werden konnte. Keinesfalls durfte das Feuer auf eine andere Weise entzündet werden, da es sonst seinen sakralen Charakter verloren hätte. Da die Natchez bereit waren, diese Regeln zu befolgen, nahm der Fremde ihr Angebot an und wurde ihr Herrscher. Erst die Nachfolger dieses ersten Herrschers bezeichneten sich der Überlieferung zufolge, die Du Pratz zur Verfügung stand, als Sonnen. Diesen Namen führt der Berichterstatter von Du Pratz darauf zurück, dass der Begründer der Dynastie der Großen Sonne von einem solchen Glanz umgeben war, dass man ihn kaum anschauen konnte. Von der Verwandlung des Urhebers der Sonnen in einen Stein liegen leider kaum Berichte vor. Dieser Stein war offensichtlich von so großer Geheimhaltung umgeben, dass auch der Informant, auf den sich Du Pratz stützt, nicht bereit war, dieses Geheimnis zu lüften.

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