Die Nation der Natchez

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Die meisten Nachkommen der Natchez leben heute in Oklahoma, einige Familien auch in South-Carolina. Der Sitz der Natchez Nation mit ihrem Oberhaupt, der derzeitigen "Großen Sonne", befindet sich in Oklahoma. Von dort aus betreiben die Natchez eine Website, auf der über die Geschichte, die Sprache und traditionellen Gebräuche sowie über aktuelle Ereignisse der Nation berichtet wird. Insbesondere hat es sich die Natchez Nation zur Aufgabe gemacht, die traditionelle Sprache der Natchez zu erhalten. Die Phonetik der Natchez-Sprache ist mittlerweile in lateinische Schriftzeichen übertragen worden, sodass ihre Weitergabe gesichert ist. Außerdem gibt es ein Wörterbuch Natchez-Englisch, das ständig erweitert wird. Seit einiger Zeit werden wieder regelmäßig Powwows veranstaltet, in deren Rahmen in letzter Zeit auch das traditionelle Ballspiel der Südostindianer wiederbelebt wurde. 

  

 

Kusso-(Edisto-)Natchez

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Die kleineren indigenen Gruppen, die in South Carolina im Tiefland zwischen Appalachen und Atlantikküste leben, werden unter der Bezeichnung "Settlement Indians" zusammengefasst. Zu ihnen gehören auch die am Edisto-River südlich des heutigen Charleston lebenden Kusso-Natchez. Ursprünglich waren die Kusso eine eigenständige ethnische Gruppe. Sie leben noch heute in ihrem traditionellen Siedlungsgebiet. Die vor ihnen am Edisto siedelnde Gruppe, die unter dem selben Namen, nach dem auch der Fluss benannt ist, bekannt wurde, existiert seit ca. 1700 nicht mehr. Ihr Name wurde im Laufe der Zeit auch auf die Kusso angewandt. Nach ihrer Vertreibung aus ihrer Heimat gelangten einige Natchez in diese Gegend, wo sie mit den Kusso eine Verbindung eingingen. 

Die Zeitung "Post and Courier" berichtet in ihrer Ausgabe vom 28.01.2019 unter dem Titel "Just outside Charleston" über die Kusso-Natchez. Der Artikel kann auf der Website www.postandcourier.com/news/just-outside-charleston-a-native-tribe-seeks-to-preserve-its-identity/article-dac0cce6-142a-11e9-8471-c726cd1169ff.html nachgelesen werden. In einem Video erzählt dort eine Angehörige des Stammes von ihren Lebensumständen. 

 

 

 

 

 

Foto: wolfepow.deviantart.com

Foto: crazycrow.com

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Informationen zum Natchez Powwow findet man unter http://visitnatchez.us oder http://natchezpowwow.com.

 

 

 

 

 

Natchez Diaspora

Aus: Lindig, Wolfgang und Mark Münzel: Die Indianer. München 1976.

Der Weg in die Diaspora

Führt man sich die Besiedlungsgeschichte Nordamerikas mit ihrer brutalen Landnahme quer über den gesamten Halbkontinent von Ost nach West vor Augen, dann muss es einen nicht wundern, dass auch bei dem Konflikt zwischen den Natchez und den Franzosen das bebaubare Land eine Rolle spielte. In den Jahren zu Beginn des 18.Jahrhunderts veränderte sich die französische Kolonialpolitik in dem damaligen Louisiana weg von reinen Handelsbeziehungen zwischen den indigenen Gruppen und den Kolonisten hin zur Plantagenwirtschaft mit einer Aneignung des Grund und Bodens durch die Plantagenbesitzer. Dadurch wurden die zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Europäern völlig unterschiedlichen Auffassungen von Eigentum deutlich aufgezeigt. Für die indigenen Gruppen war der für den Anbau geeignete Boden Gemeinschaftsbesitz, der von allen Migliedern der Gemeinschaft gemeinsam bearbeitet oder nur zum Zwecke des Anbaus zeitweilig einzelnen Familien überlassen wurde und dessen Ertrag, soweit er über den individuellen Bedarf hinausging, der ganzen Gemeinschaft zur Verfügung stand. Die Kolonisten brachten dagegen ihren Begriff von individuellem Grundeigentum mit nach Nordamerika und legten Verträge mit den einheimischen Bewohnern in ihrem Sinne aus. Die Erträge, die die Bodenbearbeitung erbrachte, wurden folglich auch nicht, wie in vorkolonialer Zeit, wieder verteilt, sondern kamen nur denjenigen zugute, die im Besitz des Landes waren. Mit Aufkommen der Plantagenwirtschaft wurde zudem für einen Markt außerhalb Nordamerikas und damit für eine der indigenen Bevölkerung völlig unbekannte Region produziert. Hinzu kam die geopolitische Bedeutung des Mississippi für die Expansionsbestrebungen Frankreichs. Durch seine Beherrschung wurde eine Verbindung zu Französisch-Kanada hergestellt und damit gleichzeitig ein Riegel um das Gebiet der Engländer gelegt, sowie eine Verbindung des spanischen Mexikos mit den spanischen Besitztümern in Florida verhindert.

Das Schicksal der Natchez zeigt, dass die durch die Kolonisten hervorgerufenen ökonomischen Veränderungen auf eine Vielzahl von divergierenden Interessen sowohl unterschiedlicher indigener Gruppen, als auch miteinander rivalisierender europäischer Einwanderer trafen. Bündnisse zwischen indianischen und europäischen Gruppen konnten gleichzeitig bedeuten, dass sich sowohl eine indianische Gruppe über eine andere als auch, dass sich Franzosen über Engländer oder umgekehrt Vorteile von der Übereinkunft versprachen. Daneben gab es auch bereits vor Ankunft der Europäer Spannungen innerhalb der einheimischen Gruppen, sowie zwischen den einzelnen Häuptlingstümern. So betont Lorenz (in McEwan, 2000: 172 f.), dass die Macht der Großen Sonnen schon seit der De Soto-Expedition im Schwinden begriffen war. Eingeschleppte Krankheiten und der Sklavenhandel durch die Engländer führten zum Zusammenbruch vieler Häuptlingstümer und dem Entstehen neuer sozialer Strukturen. Ein Beispiel hierfür ist die Integration geflohener Nachbargruppen in die Natchez-Unterschicht der Gemeinen.  

Die Spannungen zwischen Einheimischen und Franzosen nahmen zu, als unter Ludwig XIV. ein Privatinvestor dafür sorgen sollte, dass die bislang unrentable Kolonie Gewinn abwarf. Im Zuge dieser Bestrebungen wurde im Gebiet der Natchez ein Handelsposten und 1716 nach dem sog. Ersten Natchez-Krieg zur Befestigung dieses Postens ein Fort, das Fort Rosalie, errichtet. Die Verwaltung der Kolonie Louisiana durch die Indienkompagnie und die vermehrte Ansiedlung von Kolonisten aus dem Mutterland sollten dazu dienen, die Kontrolle über die Kolonie zu verstärken. Eine der Aufgaben der Indienkompagnie war es, Landrechte an Privatpersonen zu vergeben. Ein großer Teil der Neuankömmlingen siedelte sich auf dem Land der Natchez an, um dort Anbau zu betreiben. Nach zwei weiteren sog. Natchez-Kriegen kam es 1729 zu einem letzten Aufbegehren der Natchez gegen die Kolonialmacht, dessen Auslöser eskalierende Streitigkeiten um Land waren. Der Aufstand wurde von den Franzosen blutig niedergeschlagen. Hunderte Natchez, Männer, Frauen und Kinder, wurden als Sklaven nach Santo Domingo verschleppt, einige blieben in der Nähe ihrer Heimat und führten dort eine Art Guerilla-Krieg und die meisten suchten Zuflucht bei ihren Verbündeten, den Chickasaw.

Bereits in vorkolonialer Zeit hatten die Natchez zahlreiche Nachbargruppen, die auf Grund der zerstörerischen Ereignissen in dem Jahrhundert nach der De Soto-Expedition zum Mississippi sich neu orientieren mussten und in Regionen geflohen waren, in denen mächtige Häuptlingstümer ihnen Sicherheit versprachen, in ihr Sozialgefüge aufgenommen. Dieser Prozess, der aus zusammengebrochenen sozialen Strukturen neue gesellschaftliche Formationen entstehen ließ, ist im Südosten an vielen Stellen zu beobachten. Dabei beschreibt dieser Vorgang nicht einfach nur eine Aufnahme von Gruppen, die von außen kommen, in eine bestehende Sozialstruktur, sondern das Entstehen völlig neuer Strukturen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist wahrscheinlich die Gesellschaft der Seminolen in Florida, die es in der Formation, in der sie als Seminolen bekannt geworden sind, in vorkolonialer Zeit überhaupt nicht gab. Sie ist neu entstanden aus den Timucua, die ursprünglich in Florida lebten, Creek-Gruppen, die dem Druck der Kolonialmächte nach Osten auswichen, und entlaufenen afrikanischen Sklaven. Ein ähnlicher Prozess ist bei den Natchez nicht zustande gekommen und war nach ihrer Vertreibung natürlich auch gar nicht mehr möglich. Da die Sozialstruktur der Natchez-Gesellschaft mit ihrer ausgeprägten Differenzierung und ihrem eigenen Mechanismus zur Integration fremder Gruppen gute Voraussetzungen aufwies, um Kern neuer Strukturen zu werden, müssen Faktoren, die speziell im Siedlungsgebiet der Natchez Wirkung entfalteten, einer Weiterentwicklung zu einem komplexeren Häuptlingstum im Wege gestanden haben. 

Die Natchez-Siedlungen lagen genau an einer Nahtstelle zwischen englischer und französischer Einflusssphäre. Das traf zwar auch auf andere Regionen im Südosten zu, war aber nirgendwo so unmittelbar spürbar wie bei den Natchez. Die Grenze zwischen den Interessensgebieten der beiden Kolonialmächten verlief genau durch deren Siedlungsgebiet hindurch und durchtrennte damit regelrecht den Hoheitsbereich der Sonnendynastie. Die südlichen Dörfer, zu denen auch das Große Dorf, der Sitz der Großen Sonne, gehörte, sympathisierten mit den Franzosen. Der damaligen Großen Sonne gelang es auch immer wieder, Kompromisse mit der französischen Verwaltung zu schließen. Solange die Große Sonne diese bei allen Dörfern durchsetzen konnte, stärkten Sanktionen, die nur pro-englische Dörfer betrafen, sogar die Autorität der Sonnen. Die nördlichen Dörfer, die England zuneigten, waren jedoch in einer strategisch günstigeren Position. Sie verfügten über zahlreiche Waren und Güter, die ihnen von den Engländern zur Verfügung gestellt wurden und die es in den pro-französischen Dörfern nicht gab. Damit war auch die Große Sonne von diesen Waren abgeschnitten und konnte sie ihren Untertanen nicht zur Verfügung stellen. Ein Schwund ihrer Autorität war die Folge. Nachteilig für die pro-französischen Dörfer wirkten sich die unterschiedlichen Vorgehensweisen der beiden Kolonialmächte bei der Beschaffung der Waren aus. Während England, um möglichst viele einheimische Gruppen auf seine Seite zu ziehen, die Kolonien mit großen Mengen an Waren aus dem Mutterland ausstattete, erwartete die Krone in Frankreich in viel größerem Maße, dass in erster Linie die Kolonien selbst für ausreichend Tauschwaren sorgten. Als Folge hiervon standen der französischen Kolonialverwaltung weniger Waren für Geschenke oder zum Tausch zur Verfügung. Die Natchez-Dörfer im Norden lagen nicht nur näher an der englischen Einflusszone, sondern waren damit auch stärker als die südlichen Dörfer dem Sklavenhandel ausgesetzt, der in der Region am unteren Mississippi insbesonder von den im nordöstlichen Teil des heutigern Missisippi lebenden Chickasaw ausging. Sozialstrukturelle Veränderungen waren die Folge. Ethridge (in Pluckhahn und Ethridge, 2006: 208) spricht von einer Militarisierung der betroffenen Gesellschaften. Sklaven konnten naturgemäß nur durch gewaltsame Gefangennahme gemacht werden. Unter Raubzügen leidende Gruppe griffen häufig ihrerseits zur Gewalt und wurden selbst zu Sklavenjägern. Die Beute wurde gegen englische Waren, vornehmlich Waffen und Munition, eingetauscht. Die durch diese Ungleichbehandlung entstehende Fraktionierung im Siedlungsgebiet der Natchez stand dem Entstehen starker einheitlicher Strukturen und Autoritätsbeziehungen, die uneingeschränkt von allen Dörfern anerkannt woren wären, entgegen. Befeuert wurden diese Rivalitäten noch dadurch, dass beide Kolonialmächte den mit ihnen verbündeten indigenen Gruppen bei Strafe verboten, Sklaven bei ihren jeweiligen Sympathisanten zu rauben (Ethridge, 2010: 195). Besonders gravierend wirkten sich diese Verbote aus, als der Spanische Erbfolgekrieg auch auf Amerika überschwappte und die europäischen Mächte auf indigene Verbündete angewiesen waren.   

Die Auseinandersetzungen zwischen Natchez und Franzosen zeigen, dass die Landnahme durch die Europäer nicht nur neue, den Indianern unbekannte Eigentumsformen sondern auch völlig neue Produktionsformen einführte. Die neuen Bodenbearbeitungstechniken waren den einheimischen überlegen und fürhten bald zu einer Bedrohung der indianischen Nahrungsmittelversorgung (Milne, 2015: 88 - 91, 116). Erschwerend wertet Milne (2015: 93, 98), dass um das für den Anbau geeignetste Land von einer so zahlreichen Bevölkerung konkurriert wurde wie sonst kaum irgendwo in Nordamerika. Die Strategie, mit der sich eines der Natchez-Dörfer wehrte und die schließlich zum dritten Natchez-Krieg führte, glich einer allmählichen stufenweise Eskalation von Übergriffen, die von Milne (2015: 94 f.) als eine Art Ermahnung beschrieben werden, sich den Ordnungsvorstellungen der Einheimischen unterzuordnen. Ziel der Angriffe war zunächst nur das Nutzvieh der Siedler und dabei auch nur das jener Siedler, die sich in den Augen der Indianer einer Überausbeutung der natürlichen Ressourcen schuldig gemacht hatten (Milne, 2015: 100). Milne (2015: 70 - 75, 105 f., 111, 115 - 119) weist nach, dass die Art der Streitschlichtung anfangs eher die Autorität der Großen Sonne aus dem führenden Dorf stützte, weil deren interne Widersacher ausgeschaltet wurden, später aber kaum mehr auf diese Weise wirkte. Verantwortlich hierfür macht Milne (2015: 116 f.) die zwischen Einheimischen und Kolonisten gemischte Siedlungsweise, wodurch sich viele Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen dem Einfluss der alten Elite entzogen, und den Zugang der am Rande der Natchez-Region gelegenen Dörfer zu englischen Waren, die dem führenden Dorf nicht zur Verfügung standen und somit von den Großen Sonnen ihren Untertanen nicht zur Verfügung gestellt werden konnten.    

Als die Protagonisten der anfänglichen Streitschlichtungsmethoden starben bzw. nach Europa zurückkehrten, fehlten auf beiden Seiten Verhandlungsführer, die mit diplomatischem Geschick Unruhen begruhigen konnten.

Bei den Chickasaw trafen die Natchez auf eine in sich gespaltene Gesellschaf. Die Region, in der die Chickasaw an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert lebten, war sowohl für die Engländer als auch die Franzosen von Bedeutung. Frankreich benötigte diese Region im nördlichen Teil des heutigen Bundesstaates Mississippi, um eine Verbindung zwischen französisch Louisiana und Kanada herzustellen und England wollte im Zuge seines Vordringens von Ost nach West genau diese Verbindung verhindern (Johnson et al., 2008: 5). Diese exponierte Lage führte dazu, dass die zwei Hälften, in die die Chickasaw-Gesellschaft gegliedert war, die rote und die weiße Hälfte oder die Hälfte der "Großen Prärie" und die der "Kleinen Prärie", eine Bezeichnung, die die Franzosen erfunden hatten, sich der jeweils anderen europäischen Kolonialmacht zuwandten. Die weiße Hälfte, die den Franzosen zuneigte, widersetzte sich der Aufnahme der Natchez, während die rote Hälfte, die mit den Engländern sympathisierte, die Flüchtlinge in ihren Reihen akzeptierte (Johnson et al., 2008: 8). Archäologische Belege bestätigen, dass die geflohenen Natchez vor allem in den pro-englischen Dörfern Aufnahme fanden (Johnson in McEwan, 2000: 98). Die weiße Hälfte ging in ihrem Widerstand gegen die Neu-Ankömmlinge sogar so weit, Verhandlungen mit den Franzosen über eine Auslieferung der Natchez zu führen (Johnson et al., 2008: 8). Der Friedenshäuptling, der in einem Dorf der weißen Hälfte lebte, drohte damit, sich den Verbündeten der Franzosen, den Choctaw zuzuwenden (Johnson in McEwan, 2000: 104). Allerdings war auch die rote Hälfte sich ihrer Sache nicht uneingeschränkt sicher, obwohl sie sich einer Übergabe der Natchez an die Franzosen erfolgreich widersetzte (Johnson et al., 2008: 8, 23). Dies dürfte ihr dadurch erleichtert worden sein, das sie von den Engländern mit großen Mengen an Waffen und Munition versorgt wurde (Johnson et al., 2008: 23). Die Natchez-Frage blieb ungelöst und war weiterhin ein Grund andauernder Streitigkeiten zwischen Chickasaw und Franzosen. An der Weigerung, die Natchez auszuliefern, scheiterte das Zustandekommen eines Bündnisses zwischen Chickasaw und Franzosen mit der Folge militärischer Angriffe der französischen Kolonialtruppen auf Chickasaw-Dörfer (Johnson in McEwan, 2000: 97). Als ein Teil der Chickasaw weiter nach Osten bis nach South Carolina und Georgia zog, um sich am Savannah-River und damit näher bei ihren englischen Verbündeten niederzulassen, begleitete sie eine Gruppe von Natchez (Smyth, 2016: 108 f.). Eine andere Gruppe von Natchez siedelte sich gemeinsam mit jenen Chickasaw, die nicht den Weg bis zum Savannah mitgehen wollten, ungefähr auf halber Distanz zwischen dem angestammten Chickasaw-Land im Nordosten des heutigen Mississippi und den Savannah-Chickasaw an (Smyth, 2016: 110 f.).

In ihrer neuen Heimat kamen die Natchez mit den benachbarten Cherokee, einem weiteren Verbündeten der Engländer in Kontakt. Das Fehlen der uneingeschränkten Unterstützung aller Chickasaw-Gruppen dürfte sich günstig auf die Annäherung an die Cherokee ausgewirkt haben. Die Cherokee siedelten in fünf geographischen Bezirken, die aus mehreren Dörfern bestanden (Schroedl in McEwan, 2000: 204 f.): Die Lower Towns befanden sich an den oberen Zuflüssen des Savannah, die Middle Towns an den oberen Zuflüssen des Little Tennessee, die Valley Towns am oberen Hiwassee, die Overhill Towns in den Tälern des Hiwassee und des Little Tennessee und die Out Towns am oberen Little Tennessee und dessen Zuflüssen. Diese Bezirke lagen alle im Grenzgebiet der heutigen Bundesstaaten Tennessee, North und South Carolina. Im 18. Jahrhundert waren sie ein regelrechter Schmelztiegel unterschiedlicher indigener Gruppen sowohl aus dem Norden als auch dem Südosten (Hamilton, o. D.: 26). Obwohl die Bewohner dieser Bezirke kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten und gemeinsame verwandtschaftliche Beziehungen aufwiesen, gab es keine Führungspersonen für alle oder mehrere Dörfer und kaum hierarchische Strukturen innerhalb der Siedlungen (Rodning in Ethridge und Hudson, 2002: 155, 171). Es kam höchstens zu zeitweiligen Bündnissen, wenn dafür besondere Anlässe vorlagen. Die Natchez zog es insbesondere in die Dörfer der Overhill Towns. Archäologische Funde zeigen, dass Natchez sich am Little Tennessee-River, einem Nebenfluss des Tennessee, niedergelassen haben (Schroedl in McEwan, 2000: 215). Außerdem gibt es Hinweise auf eine Gruppe von Natchez am Hiwassee-River in North Carolina (Barnett, 2007: 132). Die Engländer legten großen Wert darauf, sich mit Hilfe von Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen vor allem die Unterstützung der Bewohner der Overhill Towns an der Grenze zum Einflussbereich der Creek und der Franzosen zu sichern (Schroedl in McEwan, 2000: 217). Erst dadurch erlangten die Overhill Dörfer allmählich die Oberhand über die anderen Cherokee-Regionen und ihre führenden Personen übten bald politische und militärische Macht über alle Cherokee aus. Einer Bestrafungsaktion des englischen Militärs als Reaktion auf eine Belagerung eines ihrer Forts durch Cherokee entgingen die Overhill-Dörfer fast unbeschadet (Schroedl in McEwan, 2000: 218). Den Dörfern am Little Tennesse und am Hiwassee war es offenbar unter allen Cherokee-Dörfern noch am ehesten gelungen, den Zerstörungen durch die englische Kolonialmacht und später durch die US-amerikanischen Streitkräften zumindest teilweise zu entkommen (Schroedl in McEwan, 2000: 222 f.). Nach der amerikanischen Unabhängigkeit erlebten die Cherokee unter dem Einfluss der neuen US-Regierung eine erstaunliche Renaissance. Mit New Echota im Norden Georgias entstand eine neue Hauptstadt, eine verfassunggebende Nationalversammlung wurde einberufen, Missionsschulen gegründet und unabhängig von den offiziellen politischen Maßnahmen von einem Cherokee namens Charles Sequoyah eine Schrift ausgearbeitet (Lindig und Münzel, 1976: 85 f.). Die Cherokee wurden so zum Vorbild für die anderen indigenen Gruppen im Südosten, den Chikasaw. den Choctaw, den Creek und den Seminolen. Die Beziehungen der Natchez zu den Cherokee scheinen so eng gewesen zu sein, dass sie ihnen einen weitreichenden Schutz vor feindlichen Übergriffen boten (Smyth, 2016: 135).

Mit den Natchez fand die englische Kolonie im Südosten Nordamerikas neben den Chickasaw und den Cherokee noch einen Verbündeten gegen ihren französischen Rivalen im Kampf um die Vorherrschaft in Nordamerika. Als Kundschafter gegen das benachbarte Spanisch-Florida oder als Helfer beim Einfangen entlaufener afrikanischer Sklaven leisteten die Natchez den Engländern so wertvolle Dienste, das sie sie mit Land am Edisto-River belohnten (Smyth, 2016: 123 ff.).

Auf Grund gemeinsamer Aktionen mit den Engländern und ihrer gemeinsamen Sklavenraubzügen gab es schon vor Ankunft der Natchez eine feste Bindung zwischen den Chickasaw und einzelnen Creek-Gruppen, die einige Natchez vom Little Tennessee zu nutzen wussten, um sich im Gebiet der Abihka-Creek niederzulassen (Smyth, 2016: 139 f.). Die Abihka lebten im Nordosten des heutigen Alabama, an der Grenze zum nordwestlichen Teil des heutigen Georgias, und damit nördliche der von Alabama- und Tallapoosa-Creek bewohnten Gebiete. Es existieren mehrere Aufzeichnugen, in denen von eigenen Natchez-Siedlungen bei den Abihka erzählt wird (Smyth, 2016: 153 - 155, 158). Corkran (1967: 4, 7) bestätigt, dass eine von Natchez abstammende Bevölkerung in historischen Zeiten bei den Abihka lebten. Demnach gab es damals 20 Abihka-Dörfer, von denen eines das der Natchez war. Als die Abihka im 18. Jahrhundert weiter nach Süden zogen (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 247), dürfte für die Natchez eine eher ungemütliche Situation entstanden sein. Die Alabama lavierten nämlich bewusst zwischen den englischen und französischen Fronten und gingen sogar soweit, den Franzosen den Bau von Fort Toulouse auf ihrem Territorium zu gestatten (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 249). Unter dem Einfluss der Franzosen griffen Creek-Gruppen auch Cherokee-Siedlungen an, vor allem die im Grenzbereich der Carolinas und dem heutigen Georgia liegenden Lower- und Valley-Towns, sodass deren Bewohner verstärkt sich in die sichereren Gegenden wie den Overhill-Towns zurückzogen (Rodning, 2010: 15 f., 21). Größere Sicherheit könnte den Natchez dagegen die Nähe der Abihka zu den im östlichen Teil des heutigen Alabamas siedelnden Okfuskee-Creek geboten haben (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 255). Trotz der für die Natchez gefährlichen Versuche der Franzosen, die Creek für ihre gegen die Engländer gerichteten Interessen einzuspannen, gelang es den Natchez, sich bei den Creek dauerhaft und nachweislich bis ins 19. Jahrhundert zu etablieren, ohne ihre eigene Identität aufgeben zu müssen (Smyth, 2016: 141 ff., 157 ff.). Anders als bei den Cherokee war nach dem Ende Frankreichs als amerikanische Kolonialmacht die gesellschaftliche Entwicklung der Creek von Niedergang gekennzeichnet (Lindig/Münzel, 1976: 84). Eine Schaukelpoitik zwischen zwei Kolonialmächten war jetzt nicht mehr möglich. Nach der amerikanischen Unabhängigkeit spalteten sich die Creek in einen pro-amerikanischen und einen eher traditionellen Teil (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 258). Der Druck auf jene Creek, die sich nicht dem amerikanischen Lebensstil anpassen wollten, wurde bald so groß, dass sie militärischen Übergriffen seitens der Regierungstruppen ausgesetzt waren und ein großer Teil ihrer Bevölkerung nach Florida auswich und sich mit den dort heimischen Gruppen vermischte.

In den 30er Jahren des 19.Jahrhunderts erlitten die verbliebenen Natchez das gleiche Schicksal wie ihre gastgebenden Gruppen im Südosten, denen ihr Land genommen wurde und die weiter nach Westen in das sog. Indianerland vertrieben wurden (Barnett, 2007: 133). Mit ihnen gelangten die meisten Natchez nach Oklahoma, wo ihre Nachkommen heute noch leben. Die Edisto-Natchez durften offenbar in South Carolina bleiben und dort ihr Leben als Siedler fristen (Barnett, 2007: 134). Der Ethnologe John Swanton konnte Anfang des 20.Jahrhunderts die letzten Natchez, die noch der Sprache ihrer Vorfahren mächtig waren, interviewen. Einige Jahre später gelang es, die Natchez-Sprache auf Wachs-Zylinder, von denen heute noch welche existieren, aufzuzeichnen (Barnett, 2007: 134). In Oklahoma passten die Natchez ihre kulturellen Ausdrucksformen zum Teil denen der Creek und Cherokee an. Das Verwandtschaftssystem und die materiellen Kulturgüter ähneln denen der beiden größeren Gruppen (Galloway und Jackson in Fogelson, 2004: 611). In Bezug auf religiöse Zeremonien, Musik und Tanz blieben Natchez-Elemente allerdings deutlich erkennbar und die Natchez spielten eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung traditioneller Riten (Galloway und Jackson in Fogelson, 2004: 612 f.). Mit Hilfe des Internets versuchen neuerdings die Natchez in Oklahoma, die versprengten Angehörigen ihrer Ethnie ausfindig zu machen und so etwas wie eine Vernetzung zwischen ihnen herzustellen (vgl. Website der Natchez-Nation). Allerdings verfügen im Gegensatz zu den Edisto-Natchez, die immerhin vom Staat South-Carolina als indianische Nation anerkannt worden sind, die Natchez in Oklahoma bis heute weder über eine bundesstaatliche Anerkennung noch über eine Anerkennung durch die Bundesregierung in Washington, wodurch auf einer Ebene mit den Behörden verhandelt werden könnte. Das über Jahrhunderte währende Überleben von Teilen ihrer Tradition, ohne dass diese an eigene politische Strukturen gebunden waren, zeigt, dass es den Natchez offenbar gelungen war, auchin der Fremde eine Nische zu finden, in der Elemente ihrer Kultur fortbestehen konnten.

Traditionen und Diaspora    

Theda Perdue und Michael Green (2013: 7) und auch Aram Mattioli (2017: 351) sprechen von einer erstaunlichen Langlebigkeit indianischer Lebensgewohnheiten zum Teil bis in unsere Zeit. Das Festhalten an den Traditionen macht deutlich, dass es keineswegs zu einem Bruch kam zwischen den Zeiten der Mississippi-Kulturen und der Kolonialzeit, sondern dass es eine kontinuierliche Entwicklung von einer Epoche zur nächsten gab. Mississippi-Kulturelemente verschwanden nach dem Eintreffen der Europäer keineswegs ausnahmslos, sondern blieben über die Kolonialzeit hinaus bis nach der amerikanischen Revolution wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung und unterschiedlicher Zusammensetzung erhalten. Als einfache Beispiele für gleichbleibende Verhaltensweisen nennt King (in Pluchhahn und Ethridge, 2006: 181) die Gewohnheiten der Nahrungsgewinnung der indigenen Bevölkerung, die auch durch die aus der Alten Welt eingeführten Produkte bis zum Ende des 18.Jahrhunderts nur geringfügig verändert wurden, und die Siedlungsgrößen, die in Mississippi- und Kolonialzeit von kleinen Dörfern mit wenigen Einwohnern bis hin zu stadtähnlichen Moundzentren reichte. Die Dauerhaftigkeit der südöstlichen Traditionen hat auch etwas damit zu tun, dass die indigenen Gruppen des Südostens einen jeweils ganz eigenen Weg fanden, mit den durch das Vordringen der Europäer verursachten Brüchen umzugehen. Worth (in Pluckhan und Ethridge, 2006: 199, 201) weist darauf hin, dass selbst der Gebrauch europäischer Kulturgüter noch lange nicht bedeuten musste, dass der Verwendungszweck dieser Güter der gleiche war wie in deren Herkunftsländern. Auch soziale und politische Strukturen konnten erhalten bleiben und höchstens in übergeordnete koloniale Strukturen eingeordnet werden. Einen deutlichen Bruch mit der Vergangenheit markiert für Worth (in Pluckhahn und Ethridge, 2006: 202 f.) erst der Sklavenhandel, mit dem die indigene Ökonomie in einen globalen Markt integriert wurde. Diese Probleme bei der Zuordnung von Verhaltensweisen zu Kulturmustern deuten an, dass für ein umfassendes Bild der kulturellen Veränderungen im Südosten neben den Erkenntnissen von Forschern, deren Disziplinen vor allem materielle Zeugnisse von Kulturen in den Fokus nehmen, auch Expertisen von Anthropologen, Historikern, Soziologen und anderen Wissenschaftlern nötig sind. 

Soziologen, Ethnologen, Anthropologen und indigene Forscher haben sich in der letzten Zeit vermehrt diesem Phänomen der Kontinuität von Traditionen gewidmet. Gerade kleinere Gruppen oder Gruppen, die als ausgestorben oder weitestgehend ausgestorben galten, sind damit ins Blickfeld der Spurensuche gelangt. Die Spurensuche gestaltet sich jedoch gerade bei kleineren Gruppen besonders kompliziert. Die Fluchtwege dieser Gruppen, die zudem noch wie die Natchez häufig durch die kolonialen Ereignisse auseinandergerissen wurden, sind nur mit großen Schwierigkeiten nachzuzeichnen und damit auch der Weg, den die traditionellen Verhaltensweisen dieser Gruppen genommen haben. Mehrere Gründe gibt es hierfür.

Es ist eine durchaus nachvollziehbare Vermutung, dass in der Natchez-Region einzelne Familien oder kleine Verwandtschaftsgruppen nach der Niederschlagung des Natchez-Aufstandes verborgene Plätze aufgesucht haben, die ihnen Schutz vor den Nachstellungen des französischen Militärs geboten haben. Im Südosten gelang es zahlreichen kleineren Gruppen wie den Chitimacha, den Biloxi, den Taensa, den Tunica u.a. an zurückgezogenen Orten im Süden Louisianas im Bereich der Sümpfe und Brackwasserarmen des Mississippi-Deltas bis hinauf zum Red River sich dem Einfluss der Europäer zu entziehen. In diesen Refugien konnten traditionelle kulturelle Aktivitäten aufrecht erhalten werden. Die alten Erntefeste wie etwa die Green-Corn-Zeremonie wurden weiterhin durchgeführt, das bekannte Ballspiel der Südostindianer betrieben oder Musik und Tanz aus vorkolonialer Zeit ausgeübt. Überlieferungen konnten so zum Teil bis in das 20. Jahrhundert weitergegeben werden (Gregory in Fogelson, 2004: 654 f.).    

Es kann ausgeschlossen werden, dass mit der ersten Fluchtwelle nach der Niederschlagung ihres letzten Aufstandes Natchez nach Süden in Richtung des Mississippi-Deltas und damit in gefährliche Nähe zu den französischen Machtzentren flohen. Anders sah es mit jenen Natchez aus, die in französischen Haushalten als Sklaven gehalten wurden. Diese wurden, nachdem das Ende Frankreichs als amerikanische Kolonialmacht gekommen war, frei gelassen und es ist bis heute unklar, wohin diese Menschen gegangen sind und welches Schicksal sie ereilt hat. Eine Verbindung mit den Taensa wäre insoweit plausibel, als sie ursprünglich die selbe Sprache sprachen wie die Natchez. Eine andere kleine Gruppe von Natchez-Flüchtlingen, deren Schicksal bisher nicht weiter verfolgt wurde, zog sich zu den Ouachita, einer Caddo-Gruppe, ins nordöstliche Louisiana zurück (Barnett, 2012: 136). Schließlich sind die Hinweise des englischen Kolonialoffiziers Anthony Hutchins in seinen Memoiren auf ein Dorf in der Natchez-Region mit dem selben Namen "White Apple" wie eines der letzten Natchez-Dörfern (Barnett, 2012: 152) nie an Hand anderer Quellen auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft worden.

Über religiöse Festlichkeiten oder Trauerfeiern in der unteren Mississippi-Region wird von zeitgenössischen Beobachtern nur hinsichtlich der Natchez berichtet und auch das nur an zwei Stellen (Barnett, 2012: 121 f.). Diese geringe Aufmerksamkeit in den geschriebenen Quellen für solche prominenten Ereignisse zeigen, dass diese offensichtlich von den Einheimischen vor den Blicken von Europäern verborgen wurden. Es musste vermieden werden, dass die französische Kolonialverwaltung versuchte, Riten, die in ihren Augen grausam waren, zu verbieten. Außerdem lehnten die christlichen Missionare aus religiösen Gründen diese angeblich heidnischen Riten ab, sodass es ratsam erschien, diese im Glauben zu lassen, die einheimischen Glaubensrituale seien überwunden. Damit waren gute Voraussetzungen gegeben, die indigenen Traditionen heimlich weiter auszuübern und an die Nachfahren weiterzureichen, ohne dass diese der kolonialen Öffentlichkeit bekannt wurden und über sie geschrieben werden konnte.     

Ein weiterer Mechanismus, der dazu führen konnte, dass die Schicksalswege gerade kleinerer Gruppen durch die Jahrhunderte hindurch kaum mehr nachzuverfolgen sind, können panindianische oder pantribale Bestrebungen und mit ihnen die Verwendung gleicher Sprachen gewesen sein. Die im Südosten am weitesten verbreitete einheimische Sprache, das Muskogee, wurde von mehreren unterschiedlichen indigenen Gruppen gesprochen. Das in der französischen Kolonialzeit entstandene und im Südosten häufig benutzte Mobilian war ein Mix aus verschiedenen Sprachen. Da Sprache immer auch ein Mittler von Traditionen ist, müssen sprachliche Angleichungen die Gruppenzuordnung traditioneller Verhaltensweisen zusätzlich erschwert haben.  

Schwierigkeiten, kulturelle Elemente kleineren Gruppen zuzuordnen, konnten darüber hinaus dadurch entstehen, dass ethnische Identitäten lange Zeit nicht exakt festgehalten wurden und ethnische Überschneidungen nicht mehr nachvollziehbar waren.

Die geschilderten Probleme, die Wege traditioneller Verhaltensweisen der Natchez bis nach Oklahoma und an den Edisto River nachzuzeichnen, dürften mit dazu beigetragen haben, dass die heutigen Nachfahren dieser Gemeinschaft lange Zeit eine so geringe Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden haben, dass sie in der Fachliteratur vielfach als gar nicht mehr existent beschrieben worden sind. Angesichts der Schwierigkeiten bei der Spurensuche steht bei einer Gruppe wie der der Natchez, die lange Jahre gar nicht mehr als eine geschlossene soziale Gemeinschaft wahrgenommen worden ist, die Untersuchung der Frage, was aus ihrer Kultur in den vergangenen Jahrhundert geworden ist und was die Gründe für einen derart beharrlichen Überlebenswille sind, dass sich heute wieder Menschen auf ihre Natchez-Herkunft berufen, vor ganz besonderen Herausforderungen. Für eine belastbare Antwort hierauf bedarf es eingehender Untersuchungen, vielleicht auch unter Einbeziehung von Sozialpsychologen, Linguisten und Naturwissenschaftler. Ohne eine solche Spurensuche kann höchstens die Richtung angedeutet werden, in der Antworten gefunden werden könnten. Am Anfang des Weges in die Diaspora waren die Natchez noch eine eigenständige soziale Gruppe. Es müsste untersucht werden, wie stark das Bewusstsein von einer eigenen Gruppe im Denken der Natchez verankert war und welche Kräfte es gab, die geeignet waren, einer Reduzierung dieses Bewusstseins entgegen zu wirken. Auf dem weiteren Weg geht es um die Beziehung der Natchez zu ihren gastgebenden Gruppen. Es wäre nachzuschauen, welche Mechanismen vorhanden waren, die es den Geflohenen erlaubte, auch bei den aufnehmenden Gruppen Elemente ihrer eigenen Kultur zu bewahren.

George Milne (2015: 168) weist darauf hin, dass die Identifizierung mit der Farbe "Rot" als Mittel zur Bewusstmachung der eigenen Gruppenzugehörigkeit und zur Unterscheidung von den Weißen und den afrikanischen Sklaven möglicherweise von der Region am unteren Mississippi ihren Ausgang nahm. Gestützt wird diese Sichtweise von Nancy Shoemaker (1997: 627) mit ihrem Hinweis auf eine frühe Verwendung des Wortes "Roter Mann" durch einen Taensa-Häuptling in einer Unterredung mit Franzosen. Hinzu kommt für Shoemaker (1997: 629 f.), dass das Wort "Rot" als Gruppenbezeichnung zu jener Zeit nahezu ausschließlich im Südosten und fast kaum im Nordosten gebraucht wurde und dass in der Sprache der Natchez und dem verwandten Muskogee Indianer mit "Roter Mann" übersetzt wird. Außerdem wurde Shoemaker (1997: 628f.) zufolge die Bezeichnung "Rot" zu Beginn des 18. Jahrhunderts nur selten von Europäern, sehr wohl aber von den Indigenen in Unterredungen mit den Franzosen und Engländern benutzt. Zudem waren die Bezeichnungen "Rot" und "Weiß" den Indigenen bereits auf Grund der farblichen Zuordnung zu den zwei Hälften vieler südostindianischer Gesellschaftsstrukturen vertraut. Sollte der Prozess der Identifizierung mit der Farbe "Rot" tatsächlich von den Gruppen am unteren Mississippi ausgegangen sein, so wäre dies ein deutliches Indiz für deren Gruppenbewusstsein und auch dafür, dass es offenbar starke Kräfte gab, die für die weitere Verbreitung dieses Bewusstseins sorgten. 

Susan Alt (2007: 4 f.) geht der Frage nach, wie man feststellen kann, ob in einer lokalen Bevölkerung fremde Personen aus anderen Regionen aufgenommen worden sind. Zur Untersuchung gesellschaftlichen und kulturellen Wandels schlägt sie vor, sich verstärkt jenen Personengruppen zuzuwenden, die sich nicht freiwillig einer anderen Gesellschaft angeschlossen haben. Dabei kann man zunächst an Kriegsgefangene oder Sklaven denken. Zu der Kategorie der zwangsimmigrierten Personen gehören sicher auch jene, die nicht freiwillig ihre ursprüngliche soziale Gruppe verlassen haben oder deren Gruppe als gesellschaftliche Formation zerschlagen wurde und die in einer anderen Gruppe Aufnahme gefunden haben. Zur Erklärung der Vorgänge beim Zusammentreffen der bestehenden Gruppe und den aufgenommenen Personen wendet Alt (2007: 6) das Konzept der Hybridisierung an. Dieses besagt, dass nicht nur die dominierende Gruppe der Motor des Wandels ist, sondern dass auch die Gruppe, die sich einordnen muss, zu dem Wandel beiträgt, und dass nicht einfach nur ein Zusammenfügen verschiedener sozialer Elemente stattfindet, sondern dass etwas völlig Neues entsteht. Hieraus ergeben sich Probleme für den Nachweis eines Vorhandenseins von aufgenommenen auswärtigen Personen. Je stärker sich integrierte und aufnehmende Gruppe einander angepasst haben, um so schwieriger lassen sich ursprüngliche Bevölkerung und hinzu gekommene Gruppen unterscheiden. Alt (2007: 12) hält Anzeichen, die Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten Verstorbener geben, für gut geeignet, um festzustellen, ob Fremde in eine bestehende Gruppe aufgenommen wurden. Unterschiedliche Ernährungsweisen lassen sich Alt zufolge lange Zeit im chemischen Aufbau der Knochen nachweisen. Da im Südosten recht unterschiedliche Maisprodukte in der alltäglichen Ernährung verzehrt wurden, kann deren Nachweis im Knochenmaterial Andeutungen über die Herkunft des Toten liefern. Unterschiedlicher molekularer Aufbau von Knochen lässt Rückschlüsse auf Bevölkerungsteile zu, deren Ernährungsweisen sich voneinander unterschieden haben (Alt, 2007: 15). Hinzukommen dürfen in Zukunft DNA-Analysen. Daneben gibt es soziale Komponenten, die helfen können, Zuwanderungen zu erkennen. Als Indikatoren dafür, inwieweit sich fremde Rituale in einer lokalen Bevölkerung erhalten haben, wertet Alt (2007: 16, 18 f. 22) etwa unterschiedliche Bestattungsformen oder Anzeichen von Mythen und deren Praktizierung, die ihren Ursprung in einer ganz anderen sozialen Gruppe haben. Die beschriebene soziale Hybridisierung kann in Bezug auf die Natchez sowohl bei der Aufnahme fremder Gruppen in ihr eigenes Sozialgefüge als auch später bei ihrer Integration in andere Gruppen eine Rolle gespielt haben.

Smyth (2016) wählt einen anderen Ansatz. Er betont die Entwicklungen, die in der Fremde abliefen und den in dieser Hinsicht bemerkenswerten Unterschied zwischen Natchez und anderen Flüchtlingen. Dieser Unterschied kann dazu beitragen, das dauerhafte Festhalten an traditionellen Verhaltensweisen zu erklären. Viele der kleinen indigenen Gruppen, die in der Altlantik-Küstenebene von Carolina lebten, die Settlement-Indians, wurden auf Land, das ihnen von den Behörden überlassen worden war, angesiedelt, wenn sie sich der Oberhoheit der Engländer unterwarfen. Während für die meisten damit ein Weg hin zu einer vollständigen Assimilation begann, sieht Smyth (2016: 126 f., 133) dies nicht so für die Natchez. Er argumentiert, dass sie trotz der Verpflichtungen gegenüber den Engländern versucht haben, Verbindungen zu den anderen Natchez-Gruppen und zu ihren Verbündeten zu halten und sich so eine Art innere Autonomie bewahrten. Auch die Auseinandersetzung zwischen Cherokee und Catawba zeuge davon, dass es eine Art Netzwerk zwischen den Natchez vom Edisto und den anderen Natchez-Gruppen und den Cherokee und den Creek gab, das den Natchez einen weitgehenden Schutz bot. Auch das Überdauern des am nächsten zum französischen Einflussbereich liegenden Natchez-Dorfes, des Natchez-Dorfes bei den Abihka, bis zur Vertreibung der Südost-Indianer wertet Symth (2016: 141) als Beleg für eine fortdauernde Natchez-Identität innerhalb eines Gefüges von Bündnissen mit anderen Gruppen. Außerdem sollen Natchez beim Versuch, friedliche Beziehungen zwischen Chickasaw, Cherokee und Upper Creek anzubahnen und diese Gruppen von Annäherungen an die Franzosen abzuhalten, sowie bei der Beendigung von Gewaltaktionen zwischen Cherokee und Abihka an vorderster Stelle beteiligt gewesen sein (Smyth, 2016: 147 f., 150 f.). Sowohl in den Ausführungen von Benjamin Hawkins über seine Rreise zu den Creek als auch in einem Bericht an die US-Verwaltung von Caleb Swan, beide in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verfasst, wird die Bedeutung der Natchez und die wichtige Stellung von Natchez-Häuptlingen für die Upper Creek besonders hervorgehoben (Smyth, 2016: 154 ff.). Somit wird deutlich, dass zu dieser Zeit eine Natchez-Identität auch für Außenstehende noch klar zu erkennen war. Ihre Fähigkeit, Bündnisse zwischen den Gruppen, zu denen sie geflohen waren, zu schmieden bei gleichzeitiger Beibehaltung ihrer eigenen Identität half den Natchez möglicherweise auch untereinander bei der Schaffung von Verbindungen zu ihren eigenen Verwandten, die an unterschiedlichen Orten Aufnahme gefunden hatten. Smyth (2016: 8 f.) stellt die Natchez daher in eine Reihe mit anderen Gruppen in Nordamerika, die durch die kolonialen Ereignisse auf viele Orte verstreut wurden. Um zu überleben, schufen sie eine Art Netzwerk über weite Entfernungen. Smyth bindet damit die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht mehr zwangsläufig an ein fest umrissenes Territorium, sondern an dieses soziale Netzwerk, das half, ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aufrecht zu erhalten. Smyth knüpft damit an andere Autoren an, die Diaspora und das Schaffen neuer sozialer Gefüge in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellen.

Einer dieser Autoren, Lakomäki (2014: 5 ff.), wertet die zahlreichen Wanderungen der am Ohio beheimateten Shawnee quer durch den gesamten Osten der heutigen USA als eine Form der Anpassung an die durch das Eindringen der Europäer geschaffenen Bedrohungen. Die immerwährenden Bekenntnisse der Shawnee, sich in Zukunft wieder zu vereinigen, sind für Lakomäki keine reinen Lippelbekenntnisse, sondern durchaus ernst gemeint, wie Bestrebungen zu mehr Kooperation nach dem Abzug Frankreichs zeigen. Dennoch blieben Zentralisierung und Fragmentierung in an verschiedenen Orten lebende Gruppen als unterschiedliche Wege, das Überleben zu sichern, erhalten. Zwischen den einzelnen Gruppen sorgte, Lakomäki (2014: 26 f., 31) zufolge, ein Netzwerk aus gemeinsamen sozialen Beziehungen und religiöser Verbundenheit für die Aufrechterhaltung einer übergeordneten Identität. Selbst direkte Kontakte zwischen weit voneinander entfernten Gruppen waren möglich (Lakomäki, 2014: 33). Lakomäkis Beschreibung der Shawnee als einer Gesellschaft ohne einheitlichen Wohnort, aber mit gemeinsamer Identität kann man durchaus als Skizzierung eines eigenen Gesellschaftstypus, den der Diaspora-Gesellschaft, verstehen.       

Im Südosten wurde das Überleben früherer Verhaltensweisen und Rituale durch die gesellschaftlichen Strukturen begünstigt. Ethridge (2010: 251 f.) bescheinigt den sozialen Institutionen der Mississippi-Häuptlingstümern eine große Anpassungsfähigkeit. Viele indigene Gesellschaften des Südostens bestanden aus einzelnen sozialen Einheiten mit jeweils eigenen Führungspersonen, die in eine übergeordnete Einheit eingegliedert waren. Deren Führungspersonen standen in der sozialen Hierarchie über denjenigen der untergeordneten Einheiten. Im Laufe der Geschichte kam es immer wieder zu Veränderungen dieser Hierarchien. Die Macht und das Ansehen bisheriger Häuptlingsfamilien nahmen ab und andere Verwandtschaftsgruppen traten an ihre Stelle. Ganze übergeordnete Häuptlingstümer brachen an den Nahtstellen zwischen den einzelnen Einheiten auseinander und die Einheiten bildeten, oft auch unter Einbeziehung fremder Gruppen, neue soziale Gefüge. Die fremden Gruppen konnten gleichberechtigt wie bei den Chickasaw oder untergeordnet wie bei den Natchez aufgenommen werden. Diese Integrationsmechanismen halfen vielen Südostgruppen, sich in einer durch das Eindringen der Europäer veränderten Umwelt zurechtzufinden und sich den neuen Lebensbedingungen anzupassen. Vieles hatte sich geändert. Statt für den Eigenbedarf wurde jetzt für einen Markt produziert. Statt durch Verwandtschaft vererbt, wurde sozialer Status jetzt durch persönlichen Erfolg erworben. Und dennoch konnten die Menschen intern in ihren Gruppen ihre traditionellen Verhaltensweisen, ihre religiösen Riten und Bräuche pflegen. Teile früherer Verhaltensweisen und alte Kulturelemente konnten sich auf diese Weise auch nach dem Zusammenbruch in neu entstandenen gesellschaftlichen Formationen wiederfinden. 

Vielleicht trug zu der Unsicherheit der Chickasaw über den Umgang mit den Natchez bei, dass sich die Natchez anders als alle anderen aufgenommenen Gruppen eine weitgehende Eigenständigkeit bewahrten. Darauf deutet hin, dass in den Dörfern der Großen Prärie nur Keramikwaren der Natchez, aber keine von den anderen aufgenommenen Gruppen gefunden wurden (Johnson et al., 2008: 24 f.). Johnson (in McEwan, 2000: 103 ff.) betont, dass die Chickasaw an ihrer Siedlungsweise in lokalen Dörfern auch im 18. Jahrhundert festgehalten haben und dass diese bedeutender war als andere Organisationsformen und häufig den Kern bildeten, um den herum sich durch Verwandtschaft miteinander verbundene Gruppenmitglieder ansiedelten. Eine solche Siedlungsweise musste Gruppen, die auf ihre Gruppenidentität Wert legten und deren Empfinden für ihre Zusammengehörigkeit besonders ausgeprägt war, entgegen kommen.   

Bereits vor dem 18. Jahrhundert lebten in den Cherokee-Dörfern Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gruppen und auch unterschiedlicher Sprachen (Rodning in Ethridge und Hudson, 2006: 156). Diese Situation schuf Bedingungen, die es einzelnen ethnischen Gruppen ermöglichte, einen eigene Weg innerhalb der sozialen Strukturen der aufnehmenden sozialen Einheit zu finden. Bezeichnend hierfür ist das Beispiel einer Natchez aus Overhill Town, deren fünf Söhne alle später bekannte Kriegshäuptlinge der Cherokee geworden sind (Hamilton, o. D.: 31). Einer dieser Nachkommen war Häuptling Dragging Canoe. Er widersetzte sich während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges den Friedensverhandlungen anderer Cherokee-Häuptlingen mit den amerikanischen Revolutionstruppen (Schroedl in McEwan, 2000: 222 und Rodning, 2010: 19 f.). Zu Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges vereinte er jene Gruppen der Cherokee, die sich den Landansprüchen der Siedler entgegen stemmten unter seinem Kommando. Den Cherokee schlossen sich auch Creek und Angehörige weiter nördlich lebender Gruppen wie den Shawnee an. Die Verteidugungskämpfe der Widerständler führten sie bis ins mittlere Tennessee und bis hinauf nach Kentucky (Bender in: HistoryNet, 2021). Dragging Canoe gelang es, Siedler aus diesen Regionen zu vertreiben und das Vordringen neuer Siedler über Jahre aufzuhalten. Dragging Canoe war es auch, der zusammen mit anderen Häuptlingen viele Cherokee nach Süden ins nördliche Georgia und Alabama und ins südliche Tennessee führte, um den Forderungen nach Landabtretungen und den fortgesetzten Angriffen der Revolutionstruppen zu entgehen (Schroedl in McEwan, 2000: 222 und Rodning, 2010: 19 f.). Das weitere Schicksal dieser Gruppe nach dem Ableben ihres Häuptlings liegt bis heute noch weitestgehend im Dunkeln.

Unter den Bedingungen zahlreicher Auseinandersetzungen mit der Kolonialmacht und später mit der US-Regierung und dem Sklavenhandel während des 18. und der ersten Jahre des 19. Jahrhunderts hatten führungsstarke Personen wie Dragging Canoe gute Chancen sich zu profilieren und an Ansehen zu gewinnen. In der vorkolumbianischen Natchez-Gesellschaft gab es neben den durch die Abstammung zugeschriebenen Statuspositionen auch noch die Möglichkeit, Statuspositionen durch besondere Taten und Leistungen zu erwerben. Auf diese Weise konnten auch Angehörige von niedrigen gesellschaftlichen Schichten Ansehen und Wertschätzung erlangen. Hierdurch wurden Verhaltensnormen eingeübt, und von einer Generation zur nächsten weitergegeben, die unter den wirtschaftlichen Bedingungen der Kolonialzeit von Vorteil waren. Die mit den Sklavenraubzügen einhergehenden kriegerischen Auseinandersetzungen gaben jenen gesellschaftlichen Fraktionen, die sich traditionell dem Krieg zu widmen hatten, besonders viele Gelegenheiten sich auszuzeichnen. Qualitäten wie Tapferkeit, persönlicher Mut und individuelle Leistung, die die sog. "Big Men", die Großen Männer, ausmachten, waren viel besser geeignet, die aus den Mississippi-Gesellschaften entstandenen Gruppen durch die durch das Eindringen der Europäer hervorgerufenen Wirren zu führen als jene Eigenschaften, die durch Abstammung oder religiöse Fähigkeiten vermittelt wurden.

Gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Cherokee zu der bedeutendsten indigenen Bevölkerungsgruppe mit den stabilsten Sozialstrukturen im Südosten. Das war jene Zeit, als fortgeschrittene politische Organisationsformen und die Silbenschrift der Cherokee-Sprache entstanden. Gegen die Umsiedlungspolitik der Zentralregierung in Washington leisteten die Cherokee erheblichen Widerstand. Dabei taten sich insbesondere jene Gruppen hervor, bei denen sich auch die Natchez niedergelassen hatten. Zahlreiche Cherokee verstanden es, sich in die Berge zurückzuziehen und dem Militär zu entziehen, das auf der Suche nach indigenen Personen war, die mit Gewalt auf den Weg nach Oklahoma gezwungen werden sollten. Trotz ihrer prekären Situation, weder einem Stamm anzugehören, noch als US-Bürger anerkannt zu sein, gelang es einigen von ihnen, in ihrem Heimatland zu überleben. Viele nahmen eine europäische Lebensweise an, hinter der sie ihre traditionellen Verhaltensweisen verstecken und weiter praktizieren konnten. In diesem Zusammenhang sollte der Frage nachgegangen werden, ob die relative Stabilität der Cherokee-Traditionen und auch der Widerstandwille gegen die Vertreibung den Natchez bei der Bewahrung von Teilen der eigenen Kultur geholfen hat.     

Trotz der gegenläufigen gesellschaftlichen Entwicklung bei Cherokee und Creek wurde auch bei den Creek beobachtet, dass von den Natchez abstammende Personen Führungspositionen inne hatten (Smyth, 2016: 155, 157). In verschiedenen Chroniken werden Creek-Anführer mit Natchez-Herkunft erwähnt sowie der bei den Abihka lebende Historiker Georg Stiggins, Sohn eines Engländers und einer Nichte des Natchez-Häuptlings Cinnabe (Barnett, 2012: 151 f.). Corkran (1967: 15) merkt außerdem an, dass dem obersten Creek-Häuptling ein Beratergremium aus bedeutenden Männern zur Seite stand, für dessen Zugehörigkeit die Abstammung zwar am wichtigsten war, aber auch besondere Leistungen zur Aufnahme in dieses Gremium führen konnten. Dieser Rat stand somit auch wieder den Big Men offen. Eine über Generationen zurück reichende Abihka-Abstammung war nicht zwingend. Vor diesem Hintergrund sollte in den Blick genommen werden, ob es bei den Natchez Verhaltensdispositionen gab, die führungsstarke Persönlichkeiten unterstützten und ob bei den Cherokee wie auch den Creek Faktoren gefunden werden können, die solchen Persönlichkeiten entgegen kamen und ob solche Faktoren vielleicht isoliert betrachtet werden können, um ihre Bedeutung für ein Fortbestehen kultureller Elemente ermessen zu können. Außerdem wird berichtet, dass bei den Creek auch die Sprache der Natchez zu hören war (Smyth, 2016: 156). Da es in der Konföderation der Creek ohnehin unterschiedliche Sprache gab, scheinen integrierte Gruppen wie die Natchez keinem größeren Druck ausgesetzt gewesen zu sein, ihre eigene Sprache aufzugeben. Damit hat es offenbar ein Medium gegeben, über das eigene kulturelle Werte weiter transportiert werden konnten. Schließlich existieren mehrere Aufzeichnungen, in denen von eigenen Natchez-Siedlungen bei den Abihka erzählt wird (Smyth, 2016: 153 - 155, 158). Sollten sich diese Aussagen in den schriftlichen Quellen erhärten lassen, etwa durch archäologische Arbeiten, so wäre ein Hinweis gefunden, dass auch in der Fremde eine sozialstrukturelle Kontinuität bei den Natchez nicht auszuschließen ist. 

Schließlich müsste auch nachgeschaut werden, ob und inwieweit die Landzuweisungen an die Natchez durch die englische Kolonialmacht für erwiesene Hilfsdienste geeignet waren, ein Überleben im Südosten zu erleichtern. Immerhin gelang es einigen Natchez, die gewaltsame Umsiedlungspolitik in den 1830er Jahren als sesshafte Ackerbauern zu überstehen und bis heute am Edisto-River in South-Carolina einigermaßen unbehelligt zu siedeln, zu leben und zu arbeiten.

Unter dem Einfluss der kolonialen Ereignissen brachen die Mississippi-Häuptlingstümer, so wie sie noch de Soto und seine Begleiter erlebt hatten, auseinander, und die verbliebenen Teile fügten sich zu neuen Gesellschaftstypen zusammen. Kowalewski und King (in Pluckhahn und Ethridge, 2006: 117, 119 f., 194) vermuten, dass in diesen neuen Formationen Verwandtschaftssysteme eine stärkere Rolle gespielt haben als in den hierarchischen Häuptlingstümern. Damit kann auch eine Betrachtung des Natchez-Clansystems insofern lohnenswert sein, als es Aufschluss darüber liefern könnte, ob und inwieweit für die überlebenden Natchez die Möglichkeit bestand, sich in frühere Sozialstrukturen zurückzuziehen und in dieser Nische Elemente ihrer Kultur zu bewahren. Kowalewski (in Pluckhahn und Ethridge, 2006: 119) betont, dass Verwandtschaftsstrukturen und hierarchische Systeme in den Mississippi-Gesellschaften zwar nebeneinander bestanden, sich aber nicht vermischten. Die wenigen Erwähnungen von Clans in den Chroniken in Bezug auf die Natchez können einmal damit zu tun haben, dass sie die Aufmerksamkeit der europäischen Betrachter nicht so deutlich auf sich zogen wie die Strukturen der Sonnen-Dynastie, und zum anderen damit, dass Verwandtschaftsstruktruren von den Autoritäten der Hierarchien, einem Hinweis Kowalewskis (in Pluckhahn und Ethridge, 2006: 120) zufolge, wenig Sympathie entgegen gebracht wurde. Dies erklärt sich daraus, dass Clansysteme zwar zurückreichen bis in nicht-zentrale Gesellschaften, sie gab es bereits im nordamerikanischen Archaikum, aber nicht zwangsläufig an der Entstehung komplexer Häuptlingstümer beteiligt waren. Erst die Bildung neuer Institutionen auf der Basis der zerrütteten Mississippi-Häuptlingstümer rückte die Clansysteme wieder in den Vordergrund. Auf diese Weise konnten auch die Natchez-Clans wieder aufleben und mit ihnen durch sie vermittelte Traditionen.  

Die Denkanstöße von Milnes, Shoemaker, Alt und den Diaspora-Theorien und die Lebensbedingungen, die die zu den Chickasaw, den Cherokee und den Creek geflohenen Natchez bei ihren Nachbargruppen vorfanden, weisen auf einige Indizien hin, deren nähere Betrachtung vielleicht weiteren Aufschluss darüber geben kann, wie es den Nachfahren der Natchez vom Unterlauf des Mississippi gelungen sein könnte, Teile ihrer Kultur mitzunehmen bis nach Oklahoma und bis heute zu bewahren.

 

Literatur:    

Alt, Susan: Unwilling Immigrants: Culture, Change, and the "Other" in Mississippian Society.                       (Vorbereitendes Papier). Bloomington 2007.                                                     

Barnett, James F.: The Natchez Indians. Jackson 2007.

Barnett, James F.: Mississippi´s American Indians. Jackson 2012.

Bender, Albert: Draggin Canoes War. In: HistoryNet 2021.

Corkran, David H.: The Creek Frontier, 1540 - 1783. Norman 1967.

Ethridge, Robbie: From Chicaza to Chickasaw. Chapel Hill 2010.

Ethridge, Robbie und Charles Hudson: The Transformation of the Southeastern Indians,                                                                       1540 - 1760. Jackson 2002.

Fogelson, Raymond D. (ed.): Handbook of North American Indians, Volum 14. Washington 2004.

Hamilton, Chuck: The True Origin of the Cherokee and the Pre-History of the Cherokee                                         Country. Ohne Ort, ohne Datum.

Lakomäki, Sami: Gathering Together: The Shawnee People through Diaspora and Nationhood,                              1600 - 1870. New Haven 2014. 

Johnson, Jay K., John W. O´Hear, Robbie Ethridge, Brad. R. Lieb, Susan L. Scott und H. Edwin                           Jackson: Measuring Chikasaw Adaption on the Western Frontier of the                                              Colonial South. In: Southeastern Archaeology, Vol. 27, Nr. 1.

Lindig, Wolfgang und Mark Münzel: Die Indianer. München 1976.

Mattioli, Aram: Verlorene Welten. Stuttgart 2017.

McEwan, Bonnie G. (ed.): Indians of the Greater Southeast. Gainsville 2000.

Milne, George E.: Natchez Country. Athens 2015.

Perdue, Theda und Michael D. Green: Die Indianer Nordamerikas. Stuttgart 2013.

Pluckhahn, Thomas J. und Robbie Ethridge (eds.): Light on the Path. Tuscaloosa 2006.

Rodning, Christopher B.: European Trade Goods at Cherokee Settlements in Southwestern                                                   North Carolina. In: North Carolina Archaeology, Vol. 59, 2010.

Smyth, Edward G.: The Natchez Diaspora (Diss.). Santa Cruz 2016.

Shoemaker, Nancy: How Indians Got to Be Red. In: American Historical Review 1997.

 

 

Rückbesinnung auf die Traditionen

Die Vermarktung der eigenen Kultur, wie sie in den regelmäßigen Powwow-Veranstaltungen der Nachfahren der Natchez zum Ausdruck kommt, ist ein seit einigen Jahren weit verbreitetes Phänomen, mit dessen Hilfe indigene Gruppen versuchen, sich Einkommensquellen zu verschaffen. Die dahinter stehende Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen und Werte gibt es in zahlreichen Erscheinungsformen und in nahezu globalem Ausmaß. Rituelle Zeremonien als Touristenattraktion sind in manchen Regionen besser ausgestattet und werden farbenprächtiger aufgezogen, als das in ihrer ursprünglichen Version einstmals der Fall war. Längst geht es nicht mehr nur darum, einheimisches Kunsthandwerk, Gebrauchsgegenstände oder Kleidungsstücke zu verkaufen oder Schamanenkurse für gestresste Nordamerikaner oder Europäer anzubieten. Es ist mittlerweile ein indigenes Selbstbewusstsein entstanden, das nicht nur die eigenen Traditionen pflegt, sondern auch einen ökonomischen und/oder ökologischen Hintergrund hat. Dieser kann darin bestehen, dass auf den indigenen Territorien Bodenschätze lagern, die die einheimische Bevölkerung in eigener Regie ausbeuten möchte, oder auch darin, dass die Zerstörung des traditionellen Lebensraums durch Industrie- und Rohstoffkonzerne verhindert werden soll. Eine große öffentliche Resonanz haben etwa die Proteste gegen die Dakota-Pipeline in den USA erlangt. Oder indigene Verbände in Peru wehren sich vor Gericht gegen die Ausbeutung und Verseuchung ihres Siedlungsgebietes im Amazonasbecken. In Kanada sind den Inuit weitgehnde autonome Rechte über ihr Territoriuim eingeräumt worden. Die Verteidigung des eigenen Territoriums kann sogar so weit gehen, dass, wie in Teilen Australiens, die zentralen Verwaltungsbehörden gedrängt werden, den Zugang für nicht-indigene Bevölkerungsteile zu den Reservaten ganz offiziell zu reglementieren und einzuschränken. Das neue indigene Selbstbewusstsein äußert sich auch in der Forderung, Kulturgüter, die im Laufe der Kolonialzeit nach Europa und in europäische Museen gelangt sind, zurückzugeben. Der Einsatz der modernen elektronischen Medien dient der Darstellung und Verbreitung der traditionellen Kultur und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl auf sehr viel einfachere Weise, als das durch Printmedien allein möglich gewesen wäre.    

Eine ganz eigene Form der Bewusstmachung ihrer Geschichte haben die Lakota-Indianer gefunden. Regelmäßige Gedenkritte führen die Kinder und Jugendliche zu geschichtsträchtigen Orten ihres Volkes. Diese teilweise über große Distanzen ausgeführte Ritte, sollen den Jugendlichen einen Eindruck von den Herausforderungen und Belastungen vermitteln, denen ihre Vorfahren beim Kampf um ihr Land und ihre Rechte ausgesetzt waren. Gleichzeitig wird mit den Reitprogrammen an alte Überlieferungen angeknüpft und die traditionelle Reitkunst der Lakota wiederbelebt.

Dem indigenen Selbstbewusstsein trägt eine UN-Deklaration von 2007 Rechnung, in der den indigenen Gruppen ein Recht an ihrem Land und ihrer Kultur zugesprochen wird. Im Juli 2018 hat das Europäische Parlament in einer Resolution auf die Rechte indigener Völker aufmerksam gemacht. Es fordert, insbesondere die Rechte von Kleinbauern zu stützen, deren Tätigkeit eine wesentliche Lebensgrundlage der indigenen Gemeinschaften bildet.

Eine besondere Art der Ökonomisierung ist in den indianischen Reservaten in den USA verbreitet. Die US-amerikanische Gesetzgebung erlaubt den indianischen Gruppen, auf ihren teil-autonomen Territorien Geschäfte zu betreiben, die nicht den Gesetzen des jeweiligen Bundesstaates unterliegen müssen. Die oberste nationale Rechtsprechung hat, mit Verweis auf die Bundesgesetze, Glücksspiele in Indianerreservaten auch jener Staaten zugelassen, in denen diese ansonsten verboten sind. Folglich sind eine Reihe von Spielcasinos von teilweise beachtlicher Größe unter indianischer Leitung entstanden. Von den ethnischen Gruppen am Unterlauf des Mississippi unterhalten beispielsweise die Chitimacha eine Spielbank in ihrem Reservat. Dies ist eine Folge davon, dass die in den USA und Kanada typische Form der indianischen Selbstverwaltung, die Indian Nations oder Stammesnationen, versucht, einerseits voreuropäische Traditionen wieder aufzugreifen und andererseits die indigene Bevölkerung innerhalb der modernen Verwaltungsstrukturen der Bundesstaaten und der nationalen Administrationen zu verorten. Daher definieren sich die Mitglieder der indianischen Stämme sowohl als Bürger ihres eigenen Stammes, als auch als Bürger der Vereinigten Staaten oder Kanadas und als Bürger des jeweiligen Bundesstaates, in dem sie leben. Die Selbstverwaltung der Indian Nations bezieht sich auf das Land des jeweiligen Stammes, sowohl in seiner kulturellen wie auch ökonomischen Bedeutung, auf die zivile und auch untere Strafrechtsprechung, auf die Gesundheitsvorsorge, auf das Schulwesen und auf die Erhebung von Steuern für ihre Mitglieder.

Ähnliche Parallelisierungen wie die von US-Bundes- und -Landesrecht und autonomen Rechten in den Reservaten können auch in anderen Weltgegenden beobachtet werden. Der indigenen Bevölkerung wird manchmal bewusst in gesellschaftlichen Teilbereichen Selbstverantwortung eingeräumt bis hin zur Wiedereinsetzung traditioneller Führungspersönlichkeiten. Es dürfte kaum auszuschließen sein, dass hierdurch Spannungen entstehen, insbesondere dann, wenn das Parallelrecht nicht freiwillig durch die Zentralbehörde sanktioniert wird. Es macht einen Unterschied, ob autonome Rechte gegen den Zentralstaat erkämpft werden mussten oder ob der Zentralstaat indigene Autonomie in seinem übergeordneten Interesse einsetzt. Instrumentalisiert die zentrale Verwaltung Traditionen in ihrem Sinne, sind Konflikte absehbar. Konkurrierende Zuständigkeiten wie die zwischen den Indian Nations und Bundes- und Landesbehörden in den USA können rasch zu Kompetenzstreitigkeiten führen, wie Beispiele aus Nordamerika belegen. Probleme entstehen auch dann, wenn die Prinzipien in den traditionellen Strukturen denen des Gesamtstaates widersprechen. Hinzu kommt, dass die traditionellen Führer oder sich als traditionell verstehenden Führer nicht unbedingt die Interessen der gesamten indigenen Gemeinschaft, für die sie sprechen, vertreten müssen. Auch sind die Fragen, wie die Traditionen auszulegen sind, was tatsächlich zu den traditionellen Werten gehört und welche wiederbelebt werden sollen, gerade in schriftlosen Gesellschaften nicht immer geklärt. Die Rückbesinnung auf Traditionen bedeutet für deren Protagonisten keineswegs, wie Birgit Bräuchler und Thomas Widlok (2007: 7) anmerken, sich eine Rückkehr der Vergangenheit zu wünschen. Vielmehr werden Elemente der Überlieferung häufig als Argument für die Durchsetzung heutiger Ansprüche benutzt. Aus dem Zusammenspiel oder auch Widerstreit zwischen Vergangenem und Modernem entstehen oft neue Strukturen, Autoritätsbeziehungen oder Verhaltensweisen. 

Die Vermarktung traditioneller Riten und Zeremonien zu Touristenzwecken offenbart in sich eine Widersprüchlichkeit. Einerseits muss es zu denken geben, wenn Traditionen aus ihrem ursprünglich Sinnzusammenhang herausgerissen und vielleicht aus reiner finanzieller Not heraus zur Schau gestellt werden. Andererseits kann es lehrreich sein, wenn Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis auf diese Weise mit einer ihnen sonst kaum zugänglichen Kultur in Berührung kommen.     

 

Literatur:                                                                                                                                

Birgit Bräuchler und Thomas Widlok: Die Revitalisierung von Tradition.                                     

In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 132, H. 1, 2007.