Die Nation der Natchez

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Die meisten Nachkommen der Natchez leben heute in Oklahoma, einige Familien auch in South-Carolina. Der Sitz der Natchez Nation mit ihrem Oberhaupt, der derzeitigen "Großen Sonne", befindet sich in Oklahoma. Von dort aus betreiben die Natchez eine Website, auf der über die Geschichte, die Sprache und traditionellen Gebräuche sowie über aktuelle Ereignisse der Nation berichtet wird. Insbesondere hat es sich die Natchez Nation zur Aufgabe gemacht, die traditionelle Sprache der Natchez zu erhalten. Die Phonetik der Natchez-Sprache ist mittlerweile in lateinische Schriftzeichen übertragen worden, sodass ihre Weitergabe gesichert ist. Außerdem gibt es ein Wörterbuch Natchez-Englisch, das ständig erweitert wird. Seit einiger Zeit werden wieder regelmäßig Powwows veranstaltet, in deren Rahmen in letzter Zeit auch das traditionelle Ballspiel der Südostindianer wiederbelebt wurde. 

  

 

Kusso-(Edisto-)Natchez

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Die kleineren indigenen Gruppen, die in South Carolina im Tiefland zwischen Appalachen und Atlantikküste leben, werden unter der Bezeichnung "Settlement Indians" zusammengefasst. Zu ihnen gehören auch die am Edisto-River südlich des heutigen Charleston lebenden Kusso-Natchez. Ursprünglich waren die Kusso eine eigenständige ethnische Gruppe. Sie leben noch heute in ihrem traditionellen Siedlungsgebiet. Die vor ihnen am Edisto siedelnde Gruppe, die unter dem selben Namen, nach dem auch der Fluss benannt ist, bekannt wurde, existiert seit ca. 1700 nicht mehr. Ihr Name wurde im Laufe der Zeit auch auf die Kusso angewandt. Nach ihrer Vertreibung aus ihrer Heimat gelangten einige Natchez in diese Gegend, wo sie mit den Kusso eine Verbindung eingingen. 

Die Zeitung "Post and Courier" berichtet in ihrer Ausgabe vom 28.01.2019 unter dem Titel "Just outside Charleston" über die Kusso-Natchez. Der Artikel kann auf der Website www.postandcourier.com/news/just-outside-charleston-a-native-tribe-seeks-to-preserve-its-identity/article-dac0cce6-142a-11e9-8471-c726cd1169ff.html nachgelesen werden. In einem Video erzählt dort eine Angehörige des Stammes von ihren Lebensumständen. 

 

 

 

 

 

Foto: wolfepow.deviantart.com

Foto: crazycrow.com

Foto: wolfepow.deviantart.com

Foto: crazycrow.com

Informationen zum Natchez Powwow findet man unter http://visitnatchez.us oder http://natchezpowwow.com.

 

 

 

 

 

Der Weg in die Diaspora

Aus: Lindig, Wolfgang und Mark Münzel: Die Indianer. München 1976.

Führt man sich die Besiedlungsgeschichte Nordamerikas mit ihrer brutalen Landnahme quer über den gesamten Halbkontinent von Ost nach West vor Augen, dann muss es einen nicht wundern, dass auch bei dem Konflikt zwischen den Natchez und den Franzosen das bebaubare Land eine Rolle spielte. In den Jahren zu Beginn des 18.Jahrhunderts veränderte sich die französische Kolonialpolitik in dem damaligen Louisiana weg von reinen Handelsbeziehungen zwischen den indigenen Gruppen und den Kolonisten hin zur Plantagenwirtschaft mit einer Aneignung des Grund und Bodens durch die Plantagenbesitzer. Dadurch wurden die zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Europäern völlig unterschiedlichen Auffassungen von Eigentum deutlich aufgezeigt. Für die indigenen Gruppen war der für den Anbau geeignete Boden Gemeinschaftsbesitz, der von allen Migliedern der Gemeinschaft gemeinsam bearbeitet oder nur zum Zwecke des Anbaus zeitweilig einzelnen Familien überlassen wurde und dessen Ertrag, soweit er über den individuellen Bedarf hinausging, der ganzen Gemeinschaft zur Verfügung stand. Die Kolonisten brachten dagegen ihren Begriff von individuellem Grundeigentum mit nach Nordamerika und legten Verträge mit den einheimischen Bewohnern in ihrem Sinne aus. Die Erträge, die die Bodenbearbeitung erbrachte, wurden folglich auch nicht, wie in vorkolonialer Zeit, wieder verteilt, sondern kamen nur denjenigen zugute, die im Besitz des Landes waren. Mit Aufkommen der Plantagenwirtschaft wurde zudem für einen Markt außerhalb Nordamerikas und damit für eine der indigenen Bevölkerung völlig unbekannte Region produziert. Hinzu kam die geopolitische Bedeutung des Mississippi für die Expansionsbestrebungen Frankreichs. Durch seine Beherrschung wurde eine Verbindung zu Französisch-Kanada hergestellt und damit gleichzeitig ein Riegel um das Gebiet der Engländer gelegt, sowie eine Verbindung des spanischen Mexikos mit den spanischen Besitztümern in Florida verhindert.

Das Schicksal der Natchez zeigt, dass die durch die Kolonisten hervorgerufenen ökonomischen Veränderungen auf eine Vielzahl von divergierenden Interessen sowohl unterschiedlicher indigener Gruppen, als auch miteinander rivalisierender europäischer Einwanderer trafen. Bündnisse zwischen indianischen und europäischen Gruppen konnten gleichzeitig bedeuten, dass sich sowohl eine indianische Gruppe über eine andere als auch, dass sich Franzosen über Engländer oder umgekehrt Vorteile von der Übereinkunft versprachen. Daneben gab es auch bereits vor Ankunft der Europäer Spannungen innerhalb der einheimischen Gruppen, sowie zwischen den einzelnen Häuptlingstümern. So betont Lorenz (in McEwan, 2000: 172 f.), dass die Macht der Großen Sonnen schon seit der De Soto-Expedition im Schwinden begriffen war. Eingeschleppte Krankheiten und der Sklavenhandel durch die Engländer führten zum Zusammenbruch vieler Häuptlingstümer und dem Entstehen neuer sozialer Strukturen. Ein Beispiel hierfür ist die Integration geflohener Nachbargruppen in die Natchez-Unterschicht der Gemeinen.  

Die Spannungen zwischen Einheimischen und Franzosen nahmen zu, als unter Ludwig XIV. ein Privatinvestor dafür sorgen sollte, dass die bislang unrentable Kolonie Gewinn abwarf. Im Zuge dieser Bestrebungen wurde im Gebiet der Natchez ein Handelsposten und 1716 nach dem sog. Ersten Natchez-Krieg zur Befestigung dieses Postens ein Fort, das Fort Rosalie, errichtet. Die Verwaltung der Kolonie Louisiana durch die Indienkompagnie und die vermehrte Ansiedlung von Kolonisten aus dem Mutterland sollten dazu dienen, die Kontrolle über die Kolonie zu verstärken. Eine der Aufgaben der Indienkompagnie war es, Landrechte an Privatpersonen zu vergeben. Ein großer Teil der Neuankömmlingen siedelte sich auf dem Land der Natchez an, um dort Anbau zu betreiben. Nach zwei weiteren sog. Natchez-Kriegen kam es 1729 zu einem letzten Aufbegehren der Natchez gegen die Kolonialmacht, dessen Auslöser eskalierende Streitigkeiten um Land waren. Der Aufstand wurde von den Franzosen blutig niedergeschlagen. Hunderte Natchez, Männer, Frauen und Kinder, wurden als Sklaven nach Santo Domingo verschleppt, einige blieben in der Nähe ihrer Heimat und führten dort eine Art Guerilla-Krieg und die meisten suchten Zuflucht bei ihren Verbündeten, den Chickasaw.

Bereits in vorkolonialer Zeit hatten die Natchez zahlreiche Nachbargruppen, die auf Grund der zerstörerischen Ereignissen in dem Jahrhundert nach der De Soto-Expedition zum Mississippi sich neu orientieren mussten und in Regionen geflohen waren, in denen mächtige Häuptlingstümer ihnen Sicherheit versprachen, in ihr Sozialgefüge aufgenommen. Dieser Prozess, der aus zusammengebrochenen sozialen Strukturen neue gesellschaftliche Formationen entstehen ließ, ist im Südosten an vielen Stellen zu beobachten. Dabei beschreibt dieser Vorgang nicht einfach nur eine Aufnahme von Gruppen, die von außen kommen, in eine bestehende Sozialstruktur, sondern das Entstehen völlig neuer Strukturen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist wahrscheinlich die Gesellschaft der Seminolen in Florida, die es in der Formation, in der sie als Seminolen bekannt geworden sind, in vorkolonialer Zeit überhaupt nicht gab. Sie ist neu entstanden aus den Timucua, die ursprünglich in Florida lebten, Creek-Gruppen, die dem Druck der Kolonialmächte nach Osten auswichen, und entlaufenen afrikanischen Sklaven. Ein ähnlicher Prozess ist bei den Natchez nicht zustande gekommen und war nach ihrer Vertreibung natürlich auch gar nicht mehr möglich. Da die Sozialstruktur der Natchez-Gesellschaft mit ihrer ausgeprägten Differenzierung und ihrem eigenen Mechanismus zur Integration fremder Gruppen gute Voraussetzungen aufwies, um Kern neuer Strukturen zu werden, müssen Faktoren, die speziell im Siedlungsgebiet der Natchez Wirkung entfalteten, einer Weiterentwicklung zu einem komplexeren Häuptlingstum im Wege gestanden haben. 

Die Natchez-Siedlungen lagen genau an einer Nahtstelle zwischen englischer und französischer Einflusssphäre. Das traf zwar auch auf andere Regionen im Südosten zu, war aber nirgendwo so unmittelbar spürbar wie bei den Natchez. Die Grenze zwischen den Interessensgebieten der beiden Kolonialmächten verlief genau durch deren Siedlungsgebiet hindurch und durchtrennte damit regelrecht den Hoheitsbereich der Sonnendynastie. Die südlichen Dörfer, zu denen auch das Große Dorf, der Sitz der Großen Sonne, gehörte, sympathisierten mit den Franzosen. Der damaligen Großen Sonne gelang es auch immer wieder, Kompromisse mit der französischen Verwaltung zu schließen. Solange die Große Sonne diese bei allen Dörfern durchsetzen konnte, stärkten Sanktionen, die nur pro-englische Dörfer betrafen, sogar die Autorität der Sonnen. Die nördlichen Dörfer, die England zuneigten, waren jedoch in einer strategisch günstigeren Position. Sie verfügten über zahlreiche Waren und Güter, die ihnen von den Engländern zur Verfügung gestellt wurden und die es in den pro-französischen Dörfern nicht gab. Damit war auch die Große Sonne von diesen Waren abgeschnitten und konnte sie ihren Untertanen nicht zur Verfügung stellen. Ein Schwund ihrer Autorität war die Folge. Nachteilig für die pro-französischen Dörfer wirkten sich die unterschiedlichen Vorgehensweisen der beiden Kolonialmächte bei der Beschaffung der Waren aus. Während England, um möglichst viele einheimische Gruppen auf seine Seite zu ziehen, die Kolonien mit großen Mengen an Waren aus dem Mutterland ausstattete, erwartete die Krone in Frankreich in viel größerem Maße, dass in erster Linie die Kolonien selbst für ausreichend Tauschwaren sorgten. Als Folge hiervon standen der französischen Kolonialverwaltung weniger Waren für Geschenke oder zum Tausch zur Verfügung. Die Natchez-Dörfer im Norden lagen nicht nur näher an der englischen Einflusszone, sondern waren damit auch stärker als die südlichen Dörfer dem Sklavenhandel ausgesetzt, der in der Region am unteren Mississippi insbesonder von den im nordöstlichen Teil des heutigern Missisippi lebenden Chickasaw ausging. Sozialstrukturelle Veränderungen waren die Folge. Ethridge (in Pluckhahn und Ethridge, 2006: 208) spricht von einer Militarisierung der betroffenen Gesellschaften. Sklaven konnten naturgemäß nur durch gewaltsame Gefangennahme gemacht werden. Unter Raubzügen leidende Gruppe griffen häufig ihrerseits zur Gewalt und wurden selbst zu Sklavenjägern. Die Beute wurde gegen englische Waren, vornehmlich Waffen und Munition, eingetauscht. Die durch diese Ungleichbehandlung entstehende Fraktionierung im Siedlungsgebiet der Natchez stand dem Entstehen starker einheitlicher Strukturen und Autoritätsbeziehungen, die uneingeschränkt von allen Dörfern anerkannt woren wären, entgegen. Befeuert wurden diese Rivalitäten noch dadurch, dass beide Kolonialmächte den mit ihnen verbündeten indigenen Gruppen bei Strafe verboten, Sklaven bei ihren jeweiligen Sympathisanten zu rauben (Ethridge, 2010: 195). Besonders gravierend wirkten sich diese Verbote aus, als der Spanische Erbfolgekrieg auch auf Amerika überschwappte und die europäischen Mächte auf indigene Verbündete angewiesen waren.   

Bei den Chickasaw trafen die Natchez auf eine in sich gespaltene Gesellschaf. Die Region, in der die Chickasaw an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert lebten, war sowohl für die Engländer als auch die Franzosen von Bedeutung. Frankreich benötigte diese Region im nördlichen Teil des heutigen Bundesstaates Mississippi, um eine Verbindung zwischen französisch Louisiana und Kanada herzustellen und England wollte im Zuge seines Vordringens von Ost nach West genau diese Verbindung verhindern (Johnson et al., 2008: 5). Diese exponierte Lage führte dazu, dass die zwei Hälften, in die die Chickasaw-Gesellschaft gegliedert war, die rote und die weiße Hälfte oder die Hälfte der "Großen Prärie" und die der "Kleinen Prärie", eine Bezeichnung, die die Franzosen erfunden hatten, sich der jeweils anderen europäischen Kolonialmacht zuwandten. Die weiße Hälfte, die den Franzosen zuneigte, widersetzte sich der Aufnahme der Natchez, während die rote Hälfte, die mit den Engländern sympathisierte, die Flüchtlinge in ihren Reihen akzeptierte (Johnson et al., 2008: 8). Archäologische Belege bestätigen, dass die geflohenen Natchez vor allem in den pro-englischen Dörfern Aufnahme fanden (Johnson in McEwan, 2000: 98). Die weiße Hälfte ging in ihrem Widerstand gegen die Neu-Ankömmlinge sogar so weit, Verhandlungen mit den Franzosen über eine Auslieferung der Natchez zu führen (Johnson et al., 2008: 8). Der Friedenshäuptling, der in einem Dorf der weißen Hälfte lebte, drohte damit, sich den Verbündeten der Franzosen, den Choctaw zuzuwenden (Johnson in McEwan, 2000: 104). Allerdings war auch die rote Hälfte sich ihrer Sache nicht uneingeschränkt sicher, obwohl sie sich einer Übergabe der Natchez an die Franzosen erfolgreich widersetzte (Johnson et al., 2008: 8, 23). Dies dürfte ihr dadurch erleichtert worden sein, das sie von den Engländern mit großen Mengen an Waffen und Munition versorgt wurde (Johnson et al., 2008: 23). Die Natchez-Frage blieb ungelöst und war weiterhin ein Grund andauernder Streitigkeiten zwischen Chickasaw und Franzosen. An der Weigerung, die Natchez auszuliefern, scheiterte das Zustandekommen eines Bündnisses zwischen Chickasaw und Franzosen mit der Folge militärischer Angriffe der französischen Kolonialtruppen auf Chickasaw-Dörfer (Johnson in McEwan, 2000: 97). Ein Teil der Chickasaw zog daher gemeinsam mit einigen Natchez weiter nach Osten bis nach South Carolina und Georgia.

In ihrer neuen Heimat kamen die Natchez mit den benachbarten Cherokee, einem weiteren Verbündeten der Engländer in Kontakt. Das Fehlen der uneingeschränkten Unterstützung aller Chickasaw-Gruppen dürfte sich günstig auf die Annäherung an die Cherokee ausgewirkt haben. Die Cherokee siedelten in fünf geographischen Bezirken, die aus mehreren Dörfern bestanden (Schroedl in McEwan, 2000: 204 f.): Die Lower Towns befanden sich an den oberen Zuflüssen des Savannah, die Middle Towns an den oberen Zuflüssen des Little Tennessee, die Valley Towns am oberen Hiwassee, die Overhill Towns in den Tälern des Hiwassee und des Little Tennessee und die Out Towns am oberen Little Tennessee und dessen Zuflüssen. Diese Bezirke lagen alle im Grenzgebiet der heutigen Bundesstaaten Tennessee, North und South Carolina. Obwohl die Bewohner dieser Bezirke kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten und gemeinsame verwandtschaftliche Beziehungen aufwiesen, gab es keine Führungspersonen für alle oder mehrere Dörfer und kaum hierarchische Strukturen innerhalb der Siedlungen (Rodning in Ethridge und Hudson, 2002: 155, 171). Es kam höchstens zu zeitweiligen Bündnissen, wenn dafür besondere Anlässe vorlagen. Die Natchez zog es insbesondere in die Dörfer der Overhill Towns. Archäologische Funde zeigen, dass Natchez sich am Little Tennessee-River, einem Nebenfluss des Tennessee, niedergelassen haben (Schroedl in McEwan, 2000: 215). Außerdem gibt es Hinweise auf eine Gruppe von Natchez am Hiwassee-River in North Carolina (Barnett, 2007: 132). Die Engländer legten großen Wert darauf, sich mit Hilfe von Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen vor allem die Unterstützung der Bewohner der Overhill Towns an der Grenze zum Einflussbereich der Creek und der Franzosen zu sichern (Schroedl in McEwan, 2000: 217). Erst dadurch erlangten die Overhill Dörfer allmählich die Oberhand über die anderen Cherokee-Regionen und ihre führenden Personen übten bald politische und militärische Macht über alle Cherokee aus. Einer Bestrafungsaktion des englischen Militärs als Reaktion auf eine Belagerung eines ihrer Forts durch Cherokee entgingen die Overhill-Dörfer fast unbeschadet (Schroedl in McEwan, 2000: 218). Den Dörfern am Little Tennesse und am Hiwassee war es offenbar unter allen Cherokee-Dörfern noch am ehesten gelungen, den Zerstörungen durch die englische Kolonialmacht und später durch die US-amerikanischen Streitkräften zumindest teilweise zu entkommen (Schroedl in McEwan, 2000: 222 f.). Nach der amerikanischen Unabhängigkeit erlebten die Cherokee unter dem Einfluss der neuen US-Regierung eine erstaunliche Renaissance. Mit New Echota im Norden Georgias entstand eine neue Hauptstadt, eine verfassunggebende Nationalversammlung wurde einberufen, Missionsschulen gegründet und unabhängig von den offiziellen politischen Maßnahmen von einem Cherokee namens Charles Sequoyah eine Schrift ausgearbeitet (Lindig und Münzel, 1976: 85 f.). Die Cherokee wurden so zum Vorbild für die anderen indigenen Gruppen im Südosten, den Chikasaw. den Choctaw, den Creek und den Seminolen.

Auf Grund gemeinsamer Aktionen mit den Engländern und ihrer gemeinsamen Sklavenraubzügen gab es schon vor Ankunft der Natchez eine feste Bindung zwischen den Chickasaw und einzelnen Creek-Gruppen, die einige Natchez vom Little Tennessee zu nutzen wussten, um sich im Gebiet der Abihka-Creek niederzulassen. Die Abihka lebten im Nordosten des heutigen Alabama, an der Grenze zum nordwestlichen Teil des heutigen Georgias, und damit nördliche der von Alabama- und Tallapoosa-Creek bewohnten Gebiete. Als die Abihka im 18. Jahrhundert weiter nach Süden zogen (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 247), dürfte für die Natchez eine eher ungemütliche Situation entstanden sein. Die Alabama-Creek lavierten nämlich bewusst zwischen den englischen und französischen Fronten und gingen sogar soweit, den Franzosen den Bau von Fort Toulouse auf ihrem Territorium zu gestatten (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 249). Unter dem Einfluss der Franzosen griffen Creek-Gruppen auch Cherokee-Siedlungen an, vor allem die im Grenzbereich der Carolinas und dem heutigen Georgia liegenden Lower- und Valley-Towns, sodass deren Bewohner verstärkt sich in die sichereren Gegenden wie den Overhill-Towns zurückzogen (Rodning, 2010: 15 f., 21). Größere Sicherheit könnte den Natchez dagegen die Nähe der Abihka zu den im östlichen Teil des heutigen Alabamas siedelnden Okfuskee-Creek geboten haben (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 255). Anders als bei den Cherokee war nach dem Ende Frankreichs als amerikanische Kolonialmacht die gesellschaftliche Entwicklung der Creek von Niedergang gekennzeichnet (Lindig/Münzel, 1976: 84). Eine Schaukelpoitik zwischen zwei Kolonialmächten war jetzt nicht mehr möglich. Nach der amerikanischen Unabhängigkeit spalteten sich die Creek in einen pro-amerikanischen und einen eher traditionellen Teil (Waselkov und Smith in McEwan, 2000: 258). Der Druck auf jene Creek, die sich nicht dem amerikanischen Lebensstil anpassen wollten, wurde bald so groß, dass sie militärischen Übergriffen seitens der Regierungstruppen ausgesetzt waren und ein großer Teil ihrer Bevölkerung nach Florida auswich und sich mit den dort heimischen Gruppen vermischte.

In den 30er Jahren des 19.Jahrhunderts erlitten die verbliebenen Natchez das gleiche Schicksal wie ihre gastgebenden Gruppen im Südosten, denen ihr Land genommen wurde und die weiter nach Westen in das sog. Indianerland vertrieben wurden (Barnett, 2007: 133). Mit ihnen gelangten die meisten Natchez nach Oklahoma, wo ihre Nachkommen heute noch leben. Die Edisto-Natchez durften offenbar in South Carolina bleiben und dort ihr Leben als Siedler fristen (Barnett, 2007: 134). Der Ethnologe John Swanton konnte Anfang des 20.Jahrhunderts die letzten Natchez, die noch der Sprache ihrer Vorfahren mächtig waren, interviewen. Einige Jahre später gelang es, die Natchez-Sprache auf Wachs-Zylinder, von denen heute noch welche existieren, aufzuzeichnen (Barnett, 2007: 134). In Oklahoma passten die Natchez ihre kulturellen Ausdrucksformen zum Teil denen der Creek und Cherokee an. Das Verwandtschaftssystem und die materiellen Kulturgüter ähneln denen der beiden größeren Gruppen (Galloway und Jackson in Fogelson, 2004: 611). In Bezug auf religiöse Zeremonien, Musik und Tanz blieben Natchez-Elemente allerdings deutlich erkennbar und die Natchez spielten eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung traditioneller Riten (Galloway und Jackson in Fogelson, 2004: 612 f.). Mit Hilfe des Internets versuchen neuerdings die Natchez in Oklahoma, die versprengten Angehörigen ihrer Ethnie ausfindig zu machen und so etwas wie eine Vernetzung zwischen ihnen herzustellen (vgl. Website der Natchez-Nation). Das über Jahrhunderte währende Überleben von Teilen ihrer Tradition, ohne dass diese an eigene politische Strukturen gebunden waren, zeigt, dass es den Natchez offenbar gelungen war, auch in der Fremde eine Nische zu finden, in der Elemente ihrer Kultur fortbestehen konnten.

Literatur:    

Barnett, James F.: The Natchez Indians. Jackson 2007.

Barnett, James F.: Mississippi´s American Indians. Jackson 2012.

Ethridge, Robbie: From Chicaza to Chickasaw. Chapel Hill 2010.

Ethridge, Robbie und Charles Hudson: The Transformation of the Southeastern Indians,                                                                       1540 - 1760. Jackson 2002.

Fogelson, Raymond D. (ed.): Handbook of North American Indians, Volum 14. Washington 2004.

Lindig, Wolfgang und Mark Münzel: Die Indianer. München 1976.

McEwan, Bonnie G. (ed.): Indians of the Greater Southeast. Gainsville 2000.

Pluckhahn, Thomas J. und Robbie Ethridge (eds.): Light on the Path. Tuscaloosa 2006.

 

Domestic Dependent Nations

Der Ausdruck "Domestic Dependent Nation" wurde zum ersten Mal 1831 von dem damaligen Präsidenten des obersten US-Gerichts, John Marshall, gebraucht, um den Begriff Nation, angewandt auf die indigenen Nationen, als Nationen innerhalb einer Nation zu umschreiben (UIC Law Review Vol. 33/Issue 4, 2000). Bezogen auf die amerikanische Urbevölkerung besagt der Begriff Nation für Marshall, dass es sich bei Völkern, die den Status einer Nation einnehmen, um Völker handelt, die sich von anderen Völkern unterscheiden. 2007 wurde in der amerikanischen Verfassung festgelegt, dass die indigenen Völker das Recht haben, ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung selbst zu bestimmen und ihre ihre internen Angelegenheiten autonom zu regeln. Die Verwendung des Begriffs Nation zur Beschreibung dieser Völker geht zurück auf die Kolonialzeit, als die auswärtigen Regierungen Verträge mit den Stammesregierungen abschlossen, um von ihnen Siedlungsland zu erlangen. Diese Regierung-zu-Regierung Beziehungen wurden nach der Unabhängigkeit von der neuen US-Administration übernommen. Verträge, die meist unter fragwürdigen Bedingungen oder durch Gewalt zustande kamen, wurden jetzt benutzt, um die Urbevölkerung zu zwingen, sich westlich des Mississippi anzusiedeln. Als Ggegenleistung gewährten die US-Regierungen den indigenen Nationen interne Landrechte und Selbstveraltung. Mitglieder einer indigenen Nation wurden auf diese Weise sowohl Bürger der USA und des jeweiligen Bundesstaates, in dem sie lebten, als Bürger ihrer Stammesnation.  Aufgabe der indigenen Nationen ist es, für die Sicherheit und das Wohlergehen der Bürger ihres Territoriums zu sorgen. Dafür bilden sie eigene Regierungen, Parlamente und Justizbehörden, erlassen Starf- und Zivilgesetze und erheben Steuern.

Um als indigene Nation von der US-Regierung anerkannt zu werden, muss eine Nation mehrere Kriterien erfüllen. Zu ihnen gehören eine Erkennbare soziale Einheit, eine bis in voreuropäische Zeit zurück reichende Historie, Mitglieder, die sich auf eine über Generationen reichende Zugehörigkeit zu dieser Einheit berufen können, und ein Kanon von Regeln, nach denen diese Einheit organisiert ist. Diese Kriterien legen nahe, dass dem Territorium, auf dem diese Einheit lebt, eine wichtige Bedeutung zukommt. Nur ein solches Territorium kann zumindest bei sesshaften oder teil-sesshaften Gruppen die Existenz sichern. Häufig spielt das Territorium daneben auch im reliösen Denken einer Gruppe eine wichtige Rolle. Landbesitz ist für eine Nation die Voraussetzung für die Rechtsprechung in Fällen, die Angehörige der Nation auf dem Territorium dieser Nation begehen. Steuern können nur von Personen eingenommen werden, die ihr Einkommen durch eine Tätigkeit im Gebiet der Nation erworben haben. Anerkannte indigene Nationen können Unterstützung von der Bundesregierung oder den jeweiligen Staaten in Anspruch nehmen und an Programmen teilnehmen, die für die indigene Bevölkerung aufgelegt worden sind. Außerdem haben anerkannt Nationen direkten Zugang zu den jeweiligen Regierungen und können gleichberechtigt mit ihnen verhandeln.

Kalt und Singer (in: John-F.-Kennedy-School of Government, Papers Series 3/2004: 5) definieren die Souveränität der Nationen als Selbstbestimmung. Shaawan Chad Uran (in: Indian Country Today, 9/2018) betrachtet Souveränität als einen Zustand der davon abhängt, ob eine soziale Einheit in der Lage ist, Beziehungen mit anderen sozialen Einheiten einzugehen. Souveränität hänge demnach nicht davon ab, ob eine soziale Einheit unabhängig ist oder über Macht verfügt. Der deutlichste Beweis, dass eine solche Einheit souveräne Beziehungen mit anderen souveränen Einheiten eingehen kann, ist für Uran der Abschluss von Verträgen. Auch Kalt und Singer (in: John-F.-Kennedy-School of Government, Papers Series 3/2004: 9) werten den Abschluss von Verträgen von Regierung zu Regierung als Akt der Souveränität und nicht als eine Form der Aufnahme der Stämme in die USA. In diesem Sinne sind amerikanische indigene Nationen souverän, da ihre Existenz auf Verträgen beruht, die zum Teil bereits vor dem Entstehen der Vereinigten Staaten geschlossen wurden. Diese Interpretationen widersprechen damit der Auffassung, die indigenen Nationen Amerikas seien abhängige Nationen, die der US-amerikanischen Regierung unterstünden ähnlich wie ein Mündel seinem Vormund. Ein Urteil des obersten Gerichts unter Marshall (UIC Law Review Vol. 33/Issue 4, 2000), das bereits ein Jahr nach dem Prozess gefällt wurde, in dem der Begriff "Domestic Dependent Nations" geprägt worden war, legte fest, dass indigene Nationen innerhalb ihrer eigenen Grenzen unabhängig sind auch von jeder Einflussnahme durch Bundesbehörden oder Behörden des jeweiligen Bundesstaates. Somit hatte das oberste US-Gericht bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine ähnliche Auffassung vertreten wie Uran zu Beginn des 21. Jahrhunderts.     

In deutlichem Kontrast zu diesen Auffassungen stand das Landverteilungsgesetz von 1887, das das Stammesland in individuellen Landbesitz umverteilen wollte (Congressional Research Service, 7/2021: 7). Dieses Gesetz unterstellte, dass die Umverteilung im besten Interesse der Indigenen wäre, schob also wieder eine mündelartige Abhängigkeit vor. Die Existenz der  indigenen Nationen wurde hierdurch ernstlich bedroht. Erst unter der Administration Franklin Roosevelts wurde diese Regelung wieder aufgehoben (Congressional Research Service, 7/2021: 6). In den 50er und 60er Jahren gab es Versuche, die Indigenen stärker in die US-amerikanische Gesellschaft zu integrieren, indem sie mit allen US-Bürgern und Bürgerinnen gleichgestellt werden sollten (Congressional Research Service, 7/2021: 7 f.). Seit der Präsidentschaft Richard Nixons wurde das Selbstbestimmungsrecht der indigenen Nationen allgemein anerkannt (The White House Historical Association, 11/2021). Die Beziehungen zwischen den indigenen Nationen und der Regierung in Washington wurden auf eine den Beziehungen zwischen den einzelnen Bundesstaaten und der Zentralregierung vergleichbare Basis gestellt. Ein Urteil des Supreme Court von 2020 stärkte zudem die exekutiven Funktionen der indigenen Nationen auf ihren Territorien. 

2021 werfen einige Häuptlinge in einer Veröffentlichung (Fighting Erasure. In: The State, 5/2021) die Frage auf, ob die Nationen der Urbevölkerung überhaupt eine Anerkennung benötigen. Sie weisen darauf hin, dass diese Nationen schon weitaus länger auf dem amerikansichen Kontinent leben als die weiße Mehrheitsgesellschaft, der gegenüber sie einen Nachweis ihrer Existenz liefern sollen, und dass sie bereits Verträge mit den Kolonialverwaltungen abgeschlossen haben, als es noch gar keine US-Nation gegeben hat. So berechtigt dieser Einwand auch ist, so ist die Anerkennung als Nation für die meisten indigenen Gruppen zumindest aus pragmatischen Gründen doch erstrebenswert. Schließlich kann nur durch sie mit der US-amerikanischen Regierung von Nation zu Nation verhandelt werden.  

    

Rückbesinnung auf die Traditionen

Die Vermarktung der eigenen Kultur, wie sie in den regelmäßigen Powwow-Veranstaltungen der Nachfahren der Natchez zum Ausdruck kommt, ist ein seit einigen Jahren weit verbreitetes Phänomen, mit dessen Hilfe indigene Gruppen versuchen, sich Einkommensquellen zu verschaffen. Die dahinter stehende Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen und Werte gibt es in zahlreichen Erscheinungsformen und in nahezu globalem Ausmaß. Rituelle Zeremonien als Touristenattraktion sind in manchen Regionen besser ausgestattet und werden farbenprächtiger aufgezogen, als das in ihrer ursprünglichen Version einstmals der Fall war. Längst geht es nicht mehr nur darum, einheimisches Kunsthandwerk, Gebrauchsgegenstände oder Kleidungsstücke zu verkaufen oder Schamanenkurse für gestresste Nordamerikaner oder Europäer anzubieten. Es ist mittlerweile ein indigenes Selbstbewusstsein entstanden, das nicht nur die eigenen Traditionen pflegt, sondern auch einen ökonomischen und/oder ökologischen Hintergrund hat. Dieser kann darin bestehen, dass auf den indigenen Territorien Bodenschätze lagern, die die einheimische Bevölkerung in eigener Regie ausbeuten möchte, oder auch darin, dass die Zerstörung des traditionellen Lebensraums durch Industrie- und Rohstoffkonzerne verhindert werden soll. Eine große öffentliche Resonanz haben etwa die Proteste gegen die Dakota-Pipeline in den USA erlangt. Oder indigene Verbände in Peru wehren sich vor Gericht gegen die Ausbeutung und Verseuchung ihres Siedlungsgebietes im Amazonasbecken. In Kanada sind den Inuit weitgehnde autonome Rechte über ihr Territoriuim eingeräumt worden. Die Verteidigung des eigenen Territoriums kann sogar so weit gehen, dass, wie in Teilen Australiens, die zentralen Verwaltungsbehörden gedrängt werden, den Zugang für nicht-indigene Bevölkerungsteile zu den Reservaten ganz offiziell zu reglementieren und einzuschränken. Das neue indigene Selbstbewusstsein äußert sich auch in der Forderung, Kulturgüter, die im Laufe der Kolonialzeit nach Europa und in europäische Museen gelangt sind, zurückzugeben. Der Einsatz der modernen elektronischen Medien dient der Darstellung und Verbreitung der traditionellen Kultur und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl auf sehr viel einfachere Weise, als das durch Printmedien allein möglich gewesen wäre.    

Eine ganz eigene Form der Bewusstmachung ihrer Geschichte haben die Lakota-Indianer gefunden. Regelmäßige Gedenkritte führen die Kinder und Jugendliche zu geschichtsträchtigen Orten ihres Volkes. Diese teilweise über große Distanzen ausgeführte Ritte, sollen den Jugendlichen einen Eindruck von den Herausforderungen und Belastungen vermitteln, denen ihre Vorfahren beim Kampf um ihr Land und ihre Rechte ausgesetzt waren. Gleichzeitig wird mit den Reitprogrammen an alte Überlieferungen angeknüpft und die traditionelle Reitkunst der Lakota wiederbelebt.

Dem indigenen Selbstbewusstsein trägt eine UN-Deklaration von 2007 Rechnung, in der den indigenen Gruppen ein Recht an ihrem Land und ihrer Kultur zugesprochen wird. Im Juli 2018 hat das Europäische Parlament in einer Resolution auf die Rechte indigener Völker aufmerksam gemacht. Es fordert, insbesondere die Rechte von Kleinbauern zu stützen, deren Tätigkeit eine wesentliche Lebensgrundlage der indigenen Gemeinschaften bildet.

Eine besondere Art der Ökonomisierung ist in den indianischen Reservaten in den USA verbreitet. Die US-amerikanische Gesetzgebung erlaubt den indianischen Gruppen, auf ihren teil-autonomen Territorien Geschäfte zu betreiben, die nicht den Gesetzen des jeweiligen Bundesstaates unterliegen müssen. Die oberste nationale Rechtsprechung hat, mit Verweis auf die Bundesgesetze, Glücksspiele in Indianerreservaten auch jener Staaten zugelassen, in denen diese ansonsten verboten sind. Folglich sind eine Reihe von Spielcasinos von teilweise beachtlicher Größe unter indianischer Leitung entstanden. Von den ethnischen Gruppen am Unterlauf des Mississippi unterhalten beispielsweise die Chitimacha eine Spielbank in ihrem Reservat. Dies ist eine Folge davon, dass die in den USA und Kanada typische Form der indianischen Selbstverwaltung, die Indian Nations oder Stammesnationen, versucht, einerseits voreuropäische Traditionen wieder aufzugreifen und andererseits die indigene Bevölkerung innerhalb der modernen Verwaltungsstrukturen der Bundesstaaten und der nationalen Administrationen zu verorten. Daher definieren sich die Mitglieder der indianischen Stämme sowohl als Bürger ihres eigenen Stammes, als auch als Bürger der Vereinigten Staaten oder Kanadas und als Bürger des jeweiligen Bundesstaates, in dem sie leben. Die Selbstverwaltung der Indian Nations bezieht sich auf das Land des jeweiligen Stammes, sowohl in seiner kulturellen wie auch ökonomischen Bedeutung, auf die zivile und auch untere Strafrechtsprechung, auf die Gesundheitsvorsorge, auf das Schulwesen und auf die Erhebung von Steuern für ihre Mitglieder.

Ähnliche Parallelisierungen wie die von US-Bundes- und -Landesrecht und autonomen Rechten in den Reservaten können auch in anderen Weltgegenden beobachtet werden. Der indigenen Bevölkerung wird manchmal bewusst in gesellschaftlichen Teilbereichen Selbstverantwortung eingeräumt bis hin zur Wiedereinsetzung traditioneller Führungspersönlichkeiten. Es dürfte kaum auszuschließen sein, dass hierdurch Spannungen entstehen, insbesondere dann, wenn das Parallelrecht nicht freiwillig durch die Zentralbehörde sanktioniert wird. Es macht einen Unterschied, ob autonome Rechte gegen den Zentralstaat erkämpft werden mussten oder ob der Zentralstaat indigene Autonomie in seinem übergeordneten Interesse einsetzt. Instrumentalisiert die zentrale Verwaltung Traditionen in ihrem Sinne, sind Konflikte absehbar. Konkurrierende Zuständigkeiten wie die zwischen den Indian Nations und Bundes- und Landesbehörden in den USA können rasch zu Kompetenzstreitigkeiten führen, wie Beispiele aus Nordamerika belegen. Probleme entstehen auch dann, wenn die Prinzipien in den traditionellen Strukturen denen des Gesamtstaates widersprechen. Hinzu kommt, dass die traditionellen Führer oder sich als traditionell verstehenden Führer nicht unbedingt die Interessen der gesamten indigenen Gemeinschaft, für die sie sprechen, vertreten müssen. Auch sind die Fragen, wie die Traditionen auszulegen sind, was tatsächlich zu den traditionellen Werten gehört und welche wiederbelebt werden sollen, gerade in schriftlosen Gesellschaften nicht immer geklärt. Die Rückbesinnung auf Traditionen bedeutet für deren Protagonisten keineswegs, wie Birgit Bräuchler und Thomas Widlok (2007: 7) anmerken, sich eine Rückkehr der Vergangenheit zu wünschen. Vielmehr werden Elemente der Überlieferung häufig als Argument für die Durchsetzung heutiger Ansprüche benutzt. Aus dem Zusammenspiel oder auch Widerstreit zwischen Vergangenem und Modernem entstehen oft neue Strukturen, Autoritätsbeziehungen oder Verhaltensweisen. 

Die Vermarktung traditioneller Riten und Zeremonien zu Touristenzwecken offenbart in sich eine Widersprüchlichkeit. Einerseits muss es zu denken geben, wenn Traditionen aus ihrem ursprünglich Sinnzusammenhang herausgerissen und vielleicht aus reiner finanzieller Not heraus zur Schau gestellt werden. Andererseits kann es lehrreich sein, wenn Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis auf diese Weise mit einer ihnen sonst kaum zugänglichen Kultur in Berührung kommen.     

 

Literatur:                                                                                                                                

Birgit Bräuchler und Thomas Widlok: Die Revitalisierung von Tradition.                                     

In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 132, H. 1, 2007.